Verlobungen sollen sichtbar sein; und wer sich schon für das Zeremoniell dieser Bindung vor der Bindung entschließt, soll es so stilvoll tun, wie es in Deutschland noch nie Mode gewesen ist: Der Herr soll seiner Dame nicht mehr jenen schlichten treuen Reif an den linken Ringfinger stecken, der bei der Hochzeit dann nach rechts wandert, sondern er soll ihr einen ganz speziellen Verlobungsring schenken, einen Reif mit einem Diamant; denn „der Diamant ist unvergänglich“. Wie die Liebe natürlich. Wenn geheiratet wird, gesellt sich der schlichte Ehering dazu.

Solche Verlobungsgewohnheit mit dem Ring als erstem Statussymbol stammt aus den angelsächsischen Ländern. Für uns ist die Sitte neu. In Zeiten, in denen das gehobene Bürgertum und die Aristokratie noch Vermögen besaßen, schenkte der Bräutigam zwar ein Schmuckstück zur Verlobung; aber das war ebensooft eine Brosche, ein Halsband oder eine Haubennadel wie ein Ring. Den Ring schmückte um die Jahrhundertwende meist ein Saphir im Kranz mehr oder weniger kleiner Diamanten. Blau ist das Symbol für Treue, so erklärt gefühlvoller Traditionalismus diesen Gebrauch. „Saphire sind die billigsten farbigen Edelsteine“, erklärt sachlich-herzlos ein Juwelier, „und die deutsche Gesellschaft hat nie sehr viel Geld für Schmuck ausgeben.“

Nun, viel Geld sollen auch die neuen Verlobungsringe nicht unbedingt kosten müssen. Aber: sie sollen als Selbstverständlichkeit dazugehören. Und damit sich Kundschaft und Goldschmiede gemeinsam an die neue Idee gewöhnen, hat ein Diamantenkonzern, in diesem Jahr zum erstenmal in Deutschland einen Gestaltungswettbewerb für Verlobungsringe durchgeführt. „Die Gestaltung“, hieß es in der Ausschreibung, „soll modern in der Auffassung sein, ideenreich, weiblich, von zeitloser Schönheit und allgemein tragbar.“ Der Wettbewerb (prinzipiell mußten Edelmetall und Diamanten verwendet werden) war unterteilt in vier Klassen: 1. Ringe im Wert bis 500 Mark, 2. Ringe im Wert von 500 bis 1500 Mark, 3. Solitärringe (ohne Preisbegrenzung) und 4.Twinset-Ringe (ebenfalls ohne Preisbegrenzung.)

Rund zweihundert Ringe wurden eingeschickt, meist von jungen Goldschmieden aus Westdeutschlands bester Verkaufsgegend, dem Rheinland, und aus der besten und emsigsten Entwerfergegend, Pforzheim und Hanau. Der teuerste Ring kostete 23 000 Mark; insgesamt lagen. 250 000 Mark vor der Jury auf samtbedecktem Tisch. Weißgold überwog in der Verarbeitung und im Erfolge: Alle vier Ringe, die erste Preise erhielten, waren aus Weißgold.

Das „modern in der Auffassung“ und das „allgemein tragbar“ der Ausschreibung erwies sich oft als kaum vereinbarer Gegensatz. Denn ein Ring, dessen Solitärchen auf einer einen Zentimeter langen Korkenzieherlocke zittert, ein Ring, dessen Diamantoberteil wie eine winzige Nudelrolle gerollt werden kann, mögen handwerklich interessant sein; aber tragbar und schmückend sind sie nicht. Und ein Ring, dessen Diamant im Zentrum eines Spiralgefängnisses aus Golddraht sitzt, wirkt zwar „ideenreich“, verwirklicht aber nur die Idee einer hoffentlich altmodischen Form der Ehe.

„Natürlich muß sich der Goldschmied mit der Idee der Verlobung auseinandersetzen“, sagte der Goldschmied in der Jury, René Kern, „aber das muß transponiert werden! Sex und Schönheit gehören doch auch dazu!“

Von Sex war nicht viel zu erkennen. Hochsymbolisch waren dagegen Entwürfe aus lauter, aneinandergereihten Herzchen, Ringe aus verschlungenen Kreisen, aus runden und eckigen Goldplatten, ein Ring, dessen Rund zur Herzform erhöht worden war.