Lügen haben kurze Beine. Diese alte Weisheit gilt auch noch im Zeitalter der Computer und Raketen. Diese Erfahrung mußte kürzlich Ostberlin machen, als es sich bei einem Versuch, Bonn wieder einmal etwas am Zeuge zu flicken, arg vergaloppierte.

Behauptete die halboffiziöse „Berliner Zeitung“, die Mehrwertsteuer in der Bundesrepublik würde die Waren aus der DDR so verteuern, daß ihr Absatz gefährdet sei, so hörte man kurz darauf aus dem Ostberliner Außenhandelsministerium, die DDR würde durch die Mehrwertsteuer für ihre Waren geringere Erlöse erzielen. Gemeinsam war bei beiden nur die Schlußfolgerung: Die Einführung der Mehrwertsteuer bedeute einen Akt „wirtschaftlicher Aggression“ Bonns gegen Pankow.

Beide Stellungnahmen verschweigen gemeinsam noch etwas. Daß nämlich in Bonn bereits die Ausnahmelisten ausgearbeitet sind für die Waren, für die nachteilige Auswirkungen der Mehrwertsteuer bei der Einfuhr aus bestimmten Gebieten zu erwarten sind. Und darunter fällt der größte Teil des Interzonenhandels. Lediglich die Listen für die Agrargüter stehen noch aus, weil hier der Bauernverband Einspruch gegen eine Bevorzugung ausländischer oder ostdeutscher Konkurrenten angemeldet hat.

Die Angriffe aus Ostberlin sind um so unsinniger, als gerade der Interzonenhandel im vergangenen Jahr mit einem Warenaustausch von 2,96 Milliarden Mark einen neuen Höchststand erreicht hat. Und die Bundesrepublik hat bei diesem Geschäft weiß Gott guten Willen bewiesen, denn ihre Lieferungen in die DDR überstiegen die Bezüge um nicht weniger als um 273,7 Millionen Mark. mh.