München

Dies ereignete sich in der vergangenen Woche in den Rottauer Filzen bei Bernau am Chiemsee, einer gottverlassenen Moorgegend, wo nur dünne Birken aus dem schwarzen Boden sprießen und Gras, das die Sonne verbrannt hat:

Um 16.35 Uhr ist ein wackliger Kleinbahnzug, beladen mit 73 Strafgefangenen und fünf Strafvollzugsbeamten vom Torfwerk mitten im Moor, wo die Gefangenen gearbeitet haben, auf dem Weg zurück in die Strafanstalt Bernau. Sämtliche Beamte tragen Karabiner, ihr Führer noch zusätzlich eine Pistole. Das Moor wie auch das Torfwerk gehören zum Gelände der Strafanstalt Bernau.

Gegen 16.40 Uhr springen zwei Häftlinge, der 29 Jahre alte Hans-Joachim Motzkeit und der 30 Jahre alte Wilhelm Weinert, vom Zug ab und laufen davon. Beide sind wegen Eigentumsdelikten verurteilt. Sie gelten als Rückfalltäter und haben nach Verbüßung ihrer derzeitigen Strafe weitere Verfahren wegen derselben Taten zu erwarten. Der Zug hält, vier Aufseher springen ab und nehmen die Verfolgung auf, 14 Karabinerschüsse und vier Pistolenschüsse peitschen über das Moor. Der Dieb Motzkeit und der Betrüger Weinert liegen tot im braunen Gras. Der Leiter der Strafanstalt beeilt sich, folgendes zu melden: „Auf der Flucht erschossen.“

Auf der Flucht erschossen – es gibt kaum einen Zweifel mehr, daß die beiden Häftlinge wirklich fliehen wollten. Es gibt aber überhaupt keinen Zweifel, daß sie damit kein todeswürdiges Verbrechen begingen.

Die Staatsanwaltschaft in Traunstein nahm sogleich die Ermittlungen auf und förderte dies zutage: Motzkeit war das tödliche Geschoß vom rechten Schulterblatt durch den Hals in den Hinterkopf gedrungen, Weinert von der linken unteren Rippe durchs Herz bis zum rechten Oberarmgelenk. Von den 18 Schüssen waren acht gezielt abgegeben worden. Die Schußentfernung betrug, wie die Obduktion ergab, „mindestens 25 Meter“. Vielleicht waren es 30 Meter. Daraus geht hervor, daß die Häftlinge auch ohne Schießerei kaum eine Chance hatten zu entkommen. Zu dicht saßen ihnen die Aufseher auf den Fersen und hatten sie auch noch seitlich eingekreist.

Natürlich sagten die Todesschützen, sie hätten nur auf die Beine der Flüchtenden gezielt. Das Gegenteil wird ihnen schwer nachzuweisen sein. Aber es gibt da ein seltsames Indiz, das zeigt, daß menschliches Leben in Bernau von untergeordneter Bedeutung ist: Die Häftlinge mußten bei ihrer Einlieferung einen Revers unterzeichnen, aus dem hervorgeht, daß sie und ihre Angehörigen keine Ersatzansprüche gegen den bayerischen Staat geltend machen können, falls sie bei einem Fluchtversuch verletzt oder getötet werden sollten. Die Staatsanwaltschaft wird prüfen müssen, ob der Zwang zur Unterzeichnung dieser Verpflichtung nicht bereits den strafbaren Tatbestand der Nötigung erfüllt. Erwiesen scheint damit mindestens, daß in Bernau die Schußwaffen locker sitzen.