In den Alpen geht ein Schimpfwort um, und das heißt: Halbschuhtourist. Es ist ein wirksames Wort, das Anteilnahme hervorruft; es weckt Emotionen vieler Art zwischen Mitleid und Zorn, zumindest regt es zum Kopfschütteln an. Nicht ohne Grund ist es eine außerordentlich beliebte Schlagzeilenvokabel, und natürlich fühlt man sich als Flachländler ungemein angesprochen.

Ein Halbschuhtourist ist ein Urlauber, der einen Berg besteigt, ohne dafür ausgerüstet zu sein. Da überkam beispielsweise einen Berliner. Mittvierziger die Lust, den Berg, den er seit Tagen ständig vor der Nase hatte, zu besteigen. Er verließ das Campinglager „Schluga“ bei Hermagor in Kärnten in Polohemd und kurzer Hose, die nackten Füße in Slippern. Am frühen Abend hörten Leute Pfiffe vom Berg und Schreie. Die Bergwacht brach auf und rettete den Mann nachts aus einem Geröllfeld – halb erfroren, hungrig, durstig, mit zerschundenen Beinen, blutenden Händen, erschöpft. Der Mann hatte sich verlaufen; er hatte sich verschätzt, seine Kräfte überschätzt, er hatte keine Ahnung, womit er hätte rechnen müssen.

Matthias Truppe, Gendarmeriebeamter in der Bezirksstadt Hermagor im Kärntner Gailtal und „staatl. gen. u. konz. Berg- und Schiführer“, kennt solche Fälle in Fülle. Indessen ist er sparsam mit Kritik. „Woher“, sagt er, „sollen die Leute denn wissen?“ Die Gailtalberge, alle um zweitausend Meter hoch, sehen zutraulich aus; einige zeigen ihr zweites, weit gefährlicheres Gesicht erst, wenn man dabei ist, sie näher kennenzulernen. Aber: wer sagt einem das?

Es sagt beispielsweise die Bergwacht, es sagt im neuesten „Kleinen Führer“ nun auch die Stadt Hermagor. Und sonst?

Ich fragte bei meinem ersten Besuch zuerst meinen Wirt. Wirte, die aus der Gegend stammen, müssen es wissen. Die Vermutung trügt: Wirte wissen wie die meisten Einwohner gar nichts. Meiner steht für viele mit seinem lächelnd vorgebrachten Geständnis: „Wissen Sie, im vierten Schuljahr, da sind wir mal auf dem Osternig gewesen. Aber seitdem war ich nie wieder auf einem Berg.“

Irgendeinen Alpenbewohner zu fragen, ist etwa so sinnlos wie irgendeinen Hamburger nach dem Völkerkundemuseum. Aber ohne Fragen bliebe einem Alpengast „vom flachen Land“ gerade das verschlossen, wovon er, zugegeben oder nicht, träumt: von dem merkwürdig angenehmen Gefühl, oben zu sein und ein Panorama zu entdecken. Man beherzige jedenfalls die folgenden Empfehlungen:

  • Hohe Schuhe mit griffiger Sohle, leichte warme Kleidung (wenigstens auf dem Rücken in einem kleinen Rucksack), lange oder Kniebundhosen und Regenschutz, genügend Wegzehrung.
  • Erkundigung nach dem Wetter (Auskunft: Bergwacht, Hirten, Förster, Landwirte, besser älteste als jüngere Leute); schon scharfer Wind kann einem heftig zusetzen, auch wenn die Sonne strahlt.
  • Jedesmal sagen, wohin man aufbricht, wann man zurück sein wird.
  • Notsignale einprägen (Rufen; Pfeifen; Lichtsignale mit Taschenlampe, Spiegel, Feuer; Tücherschwenken): sechsmal in der Minute, dann eine Minute Pause, wieder eine Minute Zeichen und so weiter.
  • Die in Wanderkarten eingezeichneten Bergrouten einhalten.