Von Winfried Scharlau

Alexander F. Kerenski: Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte. Paul Zsolnay Verlag, Wien und Hamburg. 571 Seiten, 38,– DM.

50 Jahre nach der bolschewistischen November-Revolution scheint selbst das bürgerliche Bewußtsein von leninistischen Vorstellungen geprägt worden zu sein. Man möchte glauben, selbst die bürgerliche Publizistik und Historiographie sei unterschwellig vom Marxschen Dogma der Zwangsläufigkeit des geschichtlichen Prozesses überzeugt worden.

Lenins erfolgreicher Staatsstreich am 7. November 1917 wird mit einer Selbstverständlichkeit als Wendepunkt eines Zeitalters und der nationalen Entwicklung Rußlands gewertet, so als sei die Weltgeschichte gradlinig und ungehindert dieser Markierung zugestrebt. Nach einem halben Jahrhundert sind alle Zufälle, Parallelbewegungen und antagonistischen Strömungen von der normativen Kraft des Faktischen, die diese Revolution allerdings in beispiellosem Ausmaß freigesetzt hat, verdrängt und verwischt worden.

Vom turbulenten Jahr 1917, das in Rußland die Märzrevolution, den erfolglosen Putsch der Bolschewiki am 2. Juli und die katastrophale Kornilow-Revolte sah, ist im Bewußtsein der Öffentlichkeit nur der Sieg Lenins im Spätherbst haftengeblieben.

Jedes Buch sollte deshalb willkommen sein, das den Blick auf die Geschehnisse in Rußland vor dem November 1917 lenkt und dazu beiträgt, das Spektrum der politischen Alternativen wieder sichtbar zu machen, das so vollständig übersehen zu werden droht.

Alexander Fjodorowitsch Kerenskis Memoiren sind – Clio sei’s geklagt! – nur ein unzulänglicher Versuch, ein Bild der offenen Möglichkeiten zu entwerfen. Der heute in New York lebende frühere Chef der letzten provisorischen Regierung, die von Lenin wie ein verlorener Haufen auseinandergesprengt wurde, hat selber nur wenig überzeugende Einsichten in die tieferen Ursachen des bolschewistischen Sieges anzubieten. Die Bilanz seiner politischen Karriere, in der advokatenhafte Überheblichkeit eine kaum geringere Rolle gespielt hat als jener Zufall, der so oft in der Geschichte ehrgeizige politische Dilettanten begünstigte, verstärkt eher den Eindruck, als habe es für Rußland in der Tat keinen anderen Ausweg gegeben als die totale Liquidation der Staats- und Gesellschaftsordnung und aller demokratischen Ansätze dazu.