Berlin

Solche Häuser sind Schicksalshäuser“, sagt der Verwalter und klimpert an den Reitern der Insassen-Kartei. Er könnte Bücher schreiben „über das alles“, und jeder würde sagen, „der spinnt doch“. Das Ledigenheim in der Danckelmannstraße in Charlottenburg ist eine für Visitenkarten ungeeignete Adresse. Dieses Heim, das ehelos lebende Männer zwischen 18 und 65 Jahren aufnimmt und ihnen mit Tisch, Bett und Spind ein Zuhause gibt, gehört zu den Dunkelkammern der Berliner Sozialarchitektur.

Ein Aushang im Torbogen bittet die Heimbewohner, für den Fall des Ablebens die Personalpapiere und Anschriften Anverwandter im Nachtschrank parat zu haben. Die Hausordnung stammt von 1931. Und nur das totale Frauenverbot wurde in den 40er Jahren gelockert: Zwischen 14 und 22 Uhr dürfen auch Damen den Pförtner passieren. Damit wurde im Ledigenheim Platz für die Liebe und die damit verbundenen Komplikationen geschaffen. Es gibt Damen, die nicht nur den Herrn, den sie beim Hauswart angeben, besuchen, sondern auch die Herren X, Y und Z. Wenn es herauskommt, wird ihnen das Revier gesperrt: Hausverbot für sie und eine Verwarnung an die betroffene Kundschaft. Herr N. nennt diese weiblichen Nachmittagsgespenster „Du-Du-Damen“, die sich auch mit aasgeierhafter Ungeduld einen Hochbetagten anlachen, um ihn zu beerben. Fälle von zärtlich-servierter Testamentsbeeinflussung sind hier nicht selten.

Die 380 Zimmer des Ledigenheimes – Einzelzimmer messen 6,5 Quadratmeter – sind ein kontrastreiches Nebeneinander in vier Etagen: Auf engstem Raum äußert sich der Anspruch, schön zu wohnen oder mit Minimal-Komfort zu vegetieren – geleckte Gute-Stuben-Pedanterie und Schlafhöhlen, die nur durch angepinnte Pinup-Girls noch irgendwelche Wünsche verraten.

Doch nicht jedem Bewohner drängt sich das Flair des Hauses als das einer traurigen Endstation auf: Ein durch Tod leergewordenes Zimmer wird ohne Nachmieter keinen Tag alt. Herr H. kommentiert die Nachfrage so: „Manchmal is det Bette noch warm.“ In den sieben Heizmonaten beträgt die Miete 46 Mark, sonst 39,50 Mark. Bettwäsche gibt es alle vier Wochen, ein Handtuch wöchentlich. Für jeweils zwei Etagen steht ein Küchenraum mit Gasherden zur Verfügung. Sechs Pfennig kostet eine Münze, mit der man eine Viertelstunde lang ein Feuer hat.

Oft ist die Küche auch der Ort politischer Dispute. Die Politik und ihre extremen Färbungen spielt hier eine lautstarke Rolle, die schon 1931 die Heimleitung dazu veranlaßte, „Zusammenkünfte, Beflaggungen und das Verteilen von Flugblättern“ zu verbieten. Besonders fremde Nationalitäten können durch ihre Gegenwart in der Küche politische Hitzeanfälle provozieren. Doch nicht nur aus diesem Grund, sondern auch aus deutschen Renommiergründen vermeidet der Verwalter die Vermietung an Fremde: „So ein Haus ist keine Reklame für ein Land.“

Das Haus Danckelmannstraße 47, das in dem Charlottenburger Teil liegt, den man „Kietz“ nennt und in welchem man atmosphärisch gerne den Zeichner Zille beheimatet, ist jedoch nicht nur eine Bleibe bedürftiger Eremiten. Hier leben auch die Bezieher fetter Pensionen, die manchmal zwei Räume belegen. In der vierten Etage wohnt ein 84 Jahre alter ehemaliger Richter, der inmitten seiner 1000bändigen Bibliothek und allen Erzeugnissen der illustrierten Presse einen Lebensabend hat, dem man, gemessen an seiner Nachbarschaft, fünf Sterne zusprechen müßte.