Von Fritz Hackert

Den einzigen politischen Roman der Epoche, mit allen Vorzügen und Nachteilen dieser Gattung, hat Hans Grimm mit ‚Volk ohne Raum‘ (1926) geschrieben.“ So steht es, 1961, in der von Curt Hohoff bearbeiteten Soergelschen Literaturgeschichte „Dichtung und Dichter der Zeit“. Und man liest weiter: „Die politischen Ausflüge Th. Manns sind widerspruchsvolle Nebenwerke, die Zeitromane seines Bruders Heinrich sind Karikaturen. Robert Musil und Joseph Roth, beide politisch interessiert, haben die Politik literarisch gedeutet, als Weg zur Katastrophe.“ Diesen Weg zu prophezeien, wäre demnach politisch unverbindlich gewesen ...

Wer sich davon überzeugen will, welche politische Relevanz Joseph Roths Deutung der beginnenden zwanziger Jahre besitzt, kann nun zu einem Band greifen, der das vorliegende Romanwerk des Autors vervollständigt –

Joseph Roth: „Das Spinnennetz“, mit einem Nachwort von Peter W.Jansen; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 160 S., 9,80 DM.

In der Wiener Arbeiterzeitung erschien dieser Erstling im Herbst 1923 als Fortsetzungsroman; als Buch ist er nicht publiziert worden. Was Roth an Zeitereignissen darin schildert, beobachtete er als Journalist des Berliner Börsen-Couriers, dem er kündigte, weil er, wie es im Kündigungsbrief heißt, nicht täglich seinen Sozialismus verleugnen wollte.

Schauplatz des Romans ist das Berlin der von Beginn an unterhöhlten Weimarer Republik. Dort erlebt Theodor Lohse, die Hauptfigur, als Mitglied eines rechtsradikalen Geheimbunds seinen politischen Aufstieg. Ein entlassener Leutnant kleinbürgerlicher Herkunft, hält sich der Jurastudent mit Nachhilfestunden im Hause eines jüdischen Juweliers über Wasser, bis er mit der Organisation in Verbindung kommt, ins „Spinnennetz“ gerät und sich, gefangen und gequält, selbst zum Fangen, Quälen und Töten anschickt. Homosexualität, Spitzeltätigkeit und Fememord, Rassenhetze im „Nationalen Beobachter“, Saalreden, Paktieren mit der Linken und Schulung paramilitärischer Gruppen, Reichswehrdienst und Aufbau einer staatlichen Geheimpolizei bezeichnen die Stationen seines Erfolgs, den er mit der Heirat einer exemplarischen preußischen Adligen krönt. Er selbst ist denn auch durchaus exemplarisch zu verstehen, als Inbegriff des Nachkriegseuropas, als „der europäische junge Mann: national und selbstsüchtig, ohne Glauben, ohne Treue, blutdürstig und beschränkt“.

Aus der Sicht einer Gegenfigur, des von Roth immer wieder gezeichneten, in seiner Heimat- und Illusionslosigkeit anarchistischen Ostjuden erscheint die Zukunft dieses Typus: „Er wird Söhne zeugen, die wieder töten, Europäer, Mörder sein werden, blutrünstig und feige, kriegerisch und national, blutige Kirchenbesucher, Gläubige des europäischen Gottes, der Politik lenkte. Kinder wird Theodor zeugen, buntbebänderte Studenten. Schulen werden sie bevölkern und Kasernen.“