Es gibt Probleme, die nur durch praktische Erfahrungen gelöst werden können. Die Tagungsprotokolle und Publikationen über Berechtigung und Möglichkeit einer Beteiligung der Arbeitnehmer am Vermögenszuwachs der Wirtschaft füllen bereits ganze Bibliotheken, ohne daß sich eine Klärung der damit aufgeworfenen Fragen abzeichnet.

Die einen beharren auf dem Standpunkt ihrer Väter, daß die in den Betrieben und Unternehmen erwirtschafteten Gewinne allein den Eigentümern zustehen; die anderen sind der Meinung, daß die Gewinne das Ergebnis der Zusammenarbeit von Kapital und Arbeit sind und darum auch die Arbeitnehmer an ihnen partizipieren müßten. Aber auch von der eigentumspolitischen Avantgarde sind bisher keine Formeln entwickelt worden, die nicht mit unübersehbaren Risiken verbunden wären.

Dennoch will Charles de Gaulle diesen Vorstoß in gesellschaftspolitisches Neuland nun wagen. Und man kann dem General nur wünschen, daß seinem Mut dabei auch das Glück zur Seite stehen möge.

Ab 1968 sollen in Frankreich alle Arbeiter und Angestellten in Betrieben mit hundert und mehr Beschäftigten am Gewinn beteiligt werden (siehe Seite 20).

Da die den Arbeitnehmern zustehenden Anteile in Form von Wertpapieren übereignet werden, wird die Kapitalkraft der französischen Volkswirtschaft dadurch keinen Schaden nehmen. Aber sicher ist, daß in genau dem Umfange, in dem die Arbeitnehmer vom Vermögenszuwachs der Wirtschaft profitieren, die Positionen der bisherigen Eigentümer zurückgedrängt werden. Niemand kann heute schon sagen, wie sie darauf reagieren werden.

Und niemand kann heute auch schon sagen, wie sich der neue Status der französischen Arbeitnehmer auf das soziale Klima auswirken wird. De Gaulle hat gesagt, daß es bei der Reform weniger darum gehe, den Arbeitnehmern materielle Vorteile zuzuschanzen; ihnen soll ein „Gefühl der Mitverantwortung“ für das Gedeihen ihrer Betriebe gegeben werden. Doch von wem Mitverantwortung erwartet wird, dem wird auf die Dauer auch eine gewisse Mitbestimmung – etwa bei der Feststellung des Betriebsgewinns – nicht versagt werden können. Und wer die Mitbestimmungsdiskussion in der Bundesrepublik mitverfolgt hat, weiß, welches Bündel heikler Probleme auch von dieser Seite der französischen Wirtschaft aufgepackt wird.

De Gaulle selbst scheint dennoch sicher zu sein, daß der von ihm bestrittene „Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ das wirtschaftliche Potential seines Landes stärken wird. Anders wäre es auch nicht zu verstehen, daß er mit diesem Experiment ausgerechnet in dem Jahre beginnt, in dem die letzten Zollbarrieren in der EWG fallen und Frankreich einem härteren internationalen Wettbewerb ausgesetzt sein wird.

Den deutschen Unternehmern, die die Sozialreform à la de Gaulle verständlicherweise mit Unbehagen verfolgen, sollte zum mindesten dieser Aspekt der Gewinnbeteiligung zu denken geben. kr