Von Gottfried Sello

Emil Nolde hatte am 7. August 100. Geburtstag. „Nolde, die uralte Seele“, beginnt Paul Klees Huldigungsseite in der Festschrift zu Noldes 60. Geburtstag, keine übertriebene, eine kluge distanzierende Huldigung, die auch den Unterschied, das Trennende andeutet. „Nolde ist mehr als nur erdhaft, er ist auch Dämon dieser Region. Selber anderswo domiziliert, fühlt man stets den Vetter dort der Tiefe, den Wahlverwandten. Man legt sich nicht schlafen bei Dämonen, dazu ist die Spannung ihrer Nähe zu groß... Jede Region formt und färbt ihre Geheimnisse, und sehr unterscheiden sich die Hände, die sie zeitigten, je nach der Sphäre ihrer gemeisterten Meister.“

Aber gerade das ist eingetreten, was Klee nicht für möglich und nicht für ratsam gehalten hatte. Man hat sich bei Nolde schlafen gelegt, und wenn seine Region jemals Schrecken enthielt, dann hat sie die längst verloren. Nolde war nie so populär wie heute zu seinem 100. Geburtstag. Nolde-Ausstellungen, die in diesem Jahr in vielen deutschen Städten stattgefunden haben oder gerade stattfinden, verzeichnen Rekordbesuch. Das Museum, das er sich selbst gestiftet hat, ist ein Wallfahrts- und Ausflugsort. In Massen strömten seine Freunde am 7. August nach Seebüll, wo sie von Schleswig-Holsteins Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck begrüßt wurden, die Festansprache hielt Walter Jens.

Bei Privatsammlern erfreut sich Nolde der größten Beliebtheit. Das Nolde-Aquarell ist zum Statussymbol des kunstsinnigen Großbürgers geworden. Reproduktionen, deren Herstellung Nolde lange Zeit untersagt hatte, werden heute so eifrig gekauft, daß die Nolde-Stiftung damit den Hauptteil ihrer Ausgaben bestreitet. Daß gerade die rheinischen Industriellen sich um seine Bilder reißen würden, hat Nolde schon 1912 vorausgeahnt. „Mir scheint, daß gerade im industriellen Rheinland meine Bilder den Menschen viel Glück sein können.“ Die Chancen in Berlin dagegen beurteilte er skeptischer. „In Berlin, wo ich seit 14 Jahren wohne, habe ich während dieser Zeit nur drei Bilder verkauft.“ Auch darin, hat er richtig gesehen, man schätzt seine Bilder nicht wegen ihrer dämonischen Qualitäten, sondern weil sie viel Glück sein können.

Wer es vor seinen Bildern bei Vokabeln wie Seele, Empfindung, überströmende Innerlichkeit, Rausch und Gnade des Schaffens bewenden läßt, kann sich weitgehend auf Nolde selbst berufen, der sich für die emotionale Sphäre entschieden hat, der künstlerische Ökonomie und bewußte Kontrolle des schöpferischen Prozesses als intellektuelle Machenschaften verachtete. Ich habe zur Feier seines Geburtstages seine Autobiographie in die Hand genommen. Im zweiten Band, den „Jahren der Kämpfe“, erschienen 1934, stehen Sätze, die man zweimal lesen muß, um zu begreifen, daß ein Künstler in unserem Jahrhundert, vor gerade dreißig Jahren, so etwas geschrieben hat. „In unserem deutschen, vielgeschmähten, vielgeliebten Herzen glimmt und glüht, es gärend immer.“ Oder: „Seelisches ist beflügelt, und das Geistige kann nicht hinterherlaufen.“ Und: „Im Sehnen nach verlorenem, unerreichbarem Glück, im Sehnen nach überquellendem Leben, nach blühender Schönheit, nach allem Herrlichen und Herrlichsten, entstehen die Werke weit über die platte Alltäglichkeit hinausragend.“ Von dieser Mentalität her versteht man, warum Emil Nolde mit dem Nationalsozialismus gemeinsame Sache. machte und daß er zutiefst enttäuscht war, als er im Dritten Reich nicht nur nicht auf den Schild gehoben, sondern als „entartet“ erklärt und verboten wurde.

Als er 1941 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen wurde, berührte ihn „diese Maßnahme in der jetzigen Kriegszeit besonders wehmütig, wo wir mit allen Sinnen dem Ringen unserer tapferen Soldaten folgen in der großen Zuversicht, daß bald ein siegreiches – Ende für unser geliebtes Deutschland kommen möge“. Gewiß, Nolde hat in Seebüll seine ungemalten Bilder“ gemalt. Aber nicht der erhoffte Endsieg, vielmehr die Niederlage hat ihn und seine Kunst aus Acht und Bann gelöst.

Es ist grotesk, ihn nachträglich zum Widerstandskämpfer und heimlichen Oppositionellen zu deklarieren. Aber er hat weder vor noch nach 1933 nazistische Bilder gemalt. Nolde liefert ein eklatantes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Ideologie und künstlerischer Praxis. Seine politischen Irrtümer, die Blut- und Boden-Ideologie, diese höchst dubiose Nolde-Region, in der, wie sein schärfster Kritiker Carl Einstein 1926 in der Propyläenkunstgeschichte konstatiert hat, „nordische Sage und ungeschlachter Bibelmythus braut“, wären’ heute nur noch relevant, soweit sie in sein Werk Eingang gefunden haben. Das zu untersuchen wäre Aufgabe einer Nolde-Kritik, die vorläufig erst in Ansätzen vorhanden ist.