Von Peter Demetz

Die Franzosen haben gesellschaftliche Form, die Deutschen schöpferische Imagination – das ist eine jener Antithesen, die wir nachgerade für bare Münze nehmen, weil sie uns seit Jahrhunderten in die Ohren klingt.

Die Gottschedin schon, der man das durchaus nicht zumutet, konfrontierte (in einer ihrer Komödien) „die deutsche Seele“ mit Pariser Konventionalität; Herder erlebte in der Tiefe seines fühlenden Fleischs, was andere nur dachten; und Madame de Staël, die intelligenteste Frau des vorigen Jahrhunderts, entwickelte die schon ererbten Gegensätze auf so bestechend polemische Art, daß unser aller Gespräche über deutschfranzösische Geistesverhältnisse noch immer in ihrem eleganten Schatten vor sich gehen.

Keine Frage mehr, ob Franzosen wahrhaftig in Akademien, ob Deutsche in poetischen Wäldern leben; offenbar haben wir nur mehr die Möglichkeit zu entscheiden, ob wir die Wälder oder, als eben gebrannte Kinder, die Akademien vorzuziehen wünschen. Die neue Essaysammlung von

Robert Minder: „Dichter in der Gesellschaft – Erfahrungen mit deutscher und französischer Literatur“; Insel Verlag, Frankfurt; 404 S., 24,– DM

neigt aus liberalem Geiste dazu, das französische Gesellschaftliche des Intellekts über die deutsche Waldeinsamkeit zu erheben (als ob die französische Institutionalisierung das „Normale“ wäre) und die romantischen Empfehlungen Madame de Staëls aus den historischen Fatalitäten der jüngsten Epoche zu korrigieren; sie wußte noch nicht, wie eng die deutschen Wälder an den Schindanger grenzen.

Robert Minder, der illustre Germanist des altehrwürdigen College de France, hat aber seine persönliche Methodik geschaffen, welche (den französischen Positivisten folgend) soziologische Neigungen, ein ausgeprägtes Interesse an dem großzügigen Panorama der beiden Literaturen und, sobald’s um das Badische, Schwäbische oder Alemannische geht, ein nuanciertes Unterscheidungsvermögen landschaftlicher Art geradezu spielend verbindet.