Von Hans Peter Bull

Das Wort „Internationalisierung“ ist verführerisch. Es weckt Hoffnungen auf Frieden und appelliert an die Verantwortung der Völkergemeinschaft. Ein internationalisiertes Gebiet als gemeinsamer Besitz aller Nationen, als Kern eines Weltstaates – solche Gedanken schwingen in Plädoyers für eine Internationalisierung umkämpfter Territorien mit. Auch bei dem Vorschlag, Jerusalem aus dem Staate Israel auszuklammern und einer UN-Verwaltung zu unterstellen, werden idealistische Gründe angeführt. Die Stadt, so heißt es, die hohe Heiligtümer dreier großer Religionen berge, müsse den Menschen aller Nationen gleichermaßen offenstehen, und das könne durch ein nationales Regime nicht garantiert werden.

Die Geschichte jener Gebiete, die einmal internationalisiert waren, gibt jedoch wenig Anlaß, die Chancen einer völkerrechtlichen „Sozialisierung“ optimistisch einzuschätzen. Zwar ist es in einigen Fällen gelungen, Feindseligkeiten zu verhindern oder hinauszuschieben, aber ein dauernder Bestand war keinem dieser Versuche beschert. Sind heute günstigere Voraussetzungen für eine dauerhafte Friedenssicherung durch die Völkergemeinschaft gegeben?

Die Internationalisierung von Territorien ist ein Produkt der Staatenpraxis des ausgehenden vorigen und dieses Jahrhunderts. Die Völkerwissenschaft hat sich nur zögernd damit beschäftigt; die neue Form nichtstaatlicher Herrschaft paßte nicht recht in das System. Noch heute findet man in den Lehrbüchern des Völkerrechts nur wenige Bemerkungen über die internationalisierten Gebiete, während die internationalisierten Wasserstraßen ausführlich behandelt werden. Eine umfassende Darstellung erschien in Deutschland erst 1962 (Raimund Beck, Die Internationalisierung von Territorien). Wenn künftige Experimente mit einer internationalen Regierung oder Verwaltung mehr Erfolg haben sollen als die bisherigen, muß noch sehr viel gründlicher untersucht werden, wie ein solches Gebiet am besten „verfaßt“ sein sollte, um einige Überlebenschancen zu haben.

Als Anschauungsmaterial steht insbesondere die Geschichte dreier Internationalisierungen zur Verfügung:

  • Freie Stadt Danzig 1919 bis 1939,
  • Völkerbundsregime im Saargebiet 1919 bis 1935,
  • Internationale Zone von Tanger 1923 bis 1956.

Zahlreiche weitere Projekte sind nicht verwirkwirklicht worden, nämlich: