Dienstag, 1. August, 20.45 Uhr, 2. Programm: „Ein Deutschlandbild – vermittelt von Inter Nationes“, Reportage von Friedrich Mönckmeier

Da reisten also zwei Japaner durch das Land, tranken in München Bier und Äppelwoi im hessischen Land, tranken den Rebensaft aus altdeutschem Humpen und tranken am Rhein den köstlichen Wein. Da reisten sie und sprachen mit Willy Brandt und mit richtigen Bauern, mit einem Berliner Drucker, der gegen die Anerkennung der DDR opponierte, sprachen mit verkleideten Rittern und Bürgermeistern und Hofbräuhausbesitzern.

Da fuhren sie zusammen über den Fluß, der, wie der Sänger will, zwar Deutschlands Strom, jedoch nicht Deutschlands Grenze ist, und sangen gemeinsam in japanischer Sprache das Heinesche Lied von der güldenen Jungfrau, da ließen sie sich in Dachau die Zahlen der Opfer angeben, hatten danach eine Erholung verdient, fuhren durch Bayern, fuhren an Ozeanriesen vorbei durch den Hamburger Hafen, fuhren zur Mauer und knipsten den Draht und die Grenzer.

Die Kameramänner, deren Ziel es offenbar war, mit Ironie und Bösartigkeit unter den gängigen Motiven die gängigsten auf die Filme zu bannen, begleiteten sie, und es begleitete sie auch ein kommentierender Herr, der Sätze zu formulieren verstand, die gleichfalls dem Klischee-Prinzip folgten: Was wäre ein Hamburg-Besuch ohne die Reeperbahn?

Nun also wissen wir endlich – wir alle, die, auf Emma Peels Kapriolen begierig, uns diesen Film als ein hors d’oeuvre zu Gemüt führen wollten – nun wissen wir endlich, was es mit jener geheimnisvollen Kongregation für ein Bewenden hat, die sich Inter Nationes nennt, über einen Millionenetat verfügt, Bewohner anderer Länder nach Deutschland einlädt und ihnen dort, nach den von Carl Amery in seinem Roman „Die große deutsche Tour“ entworfenen Prinzipien, die Schönheiten unseres Landes offeriert: Ritterromantik und Mauer, die Loreley und die Öfen von Dachau, Willy Brandt und Geishas vom Neckar, jene Studentinnen aus Heidelberg, die auf freundlichen Auen und unter den Linden Walther von der Vogelweides Poem interpretieren.

Nun wissen wir, wo sie geblieben sind, die Inter-Nationes-Millionen, nun kennen wir endlich das Idealbild, das sich der Besucherdienst dieser Vereinigung von des Deutschen Vaterland macht. Oder irren wir uns? Sollte vielleicht nur ein nicht eben intelligenter Verfasser nach bekanntem Muster (man nehme zwei exemplarische Leute, man erfinde eine Summe aller möglichen Reiseprogramme) eine Karikatur vorgeführt haben? Ist in Wahrheit alles ganz anders? Der Fahrplan individuell („Ich möchte gern Adorno, Habermas, Paul Mikat und Kurt Sontheimer sehen“), die Auswahl penibel, die Abstimmung mit anderen Unternehmen – man hörte nichts von ihnen: Deutscher Akademischer Austauschdienst und Goethe-Institut – zumindest erwünscht?

Wirklich, ihr Freunde von Inter Nationes, diese Brüskierung habt ihr nicht verdient. So dumm seid ihr nicht, so klischeeversessen waren nicht die von euch eingeladenen Leute, die am Tisch gesessen haben, bei mir. Momos