Von Eka von Merveldt

In der Bibliothek, die zugleich Schreibzimmer war, saßen wieder die Herren mit den zerfurchten Stirnen und lasen die neuesten Nachrichten. Das Meer draußen war für sie nichts als eine große Wasserfläche. Ein Gast, der schlecht geschlafen hatte, holte sich vom Ständer mit den schreienden Titeln einen Krimi. Ich bat den Bibliothekar um das „Narrenschiff“. Obwohl er sehr gut deutsch sprach und hilfsbereit war wie das übrige aufmerksame Personal des Schiffes, zögerte er etwas und suchte nach Worten. „Sie meinen vermutlich ‚Ship of Fools‘ von Katherine Anne Porter“, sagte er schließlich. „Das führen wir hier nicht, das wäre zu treffend Holländische Schiffe, so hörte ich früher, haben die gewichtigsten Büchereien. Viele Gegenwartsautoren standen dort in holländischer, englischer, französischer und deutscher Sprache – von Robbe-Grillet bis Uwe Johnson – und alle Bände der Encyclopaedia Britannica. Doch Bücherleser waren in den weiten Räumen des Vergnügungsbetriebes selten zu sehen. Sie lasen wohl heimlich in den Kabinen.

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Beim Arzt war immer Andrang. Zwar war die Fahrt vier Wochen lang ruhig, die „Nieuw Amsterdam“ zeigte sich von ihrer besten Seite als Schönwetterschiff. Aber ein Erkältungsbazillus reiste mit, und wie es so ist auf Kreuzfahrten, die überladenen Tafeln, dazu der ständige Wechsel der Temperaturen – in Ägypten fast 40 Grad, im Schwarzen Meer 18 und an den Küsten von Griechenland, Italien und Portugal schon wieder fast 30 –, dazu auf den Landausflügen die vielen Proben einheimischer Küchen, die Angriffe einheimischer Bakterien verursachten Unpäßlichkeiten. An immer mehr Tischen wurde zwei und drei Tage lang schwarzer Tee und nichts als körniger Reis serviert.

Doch einer meiner Tischgenossen, der kleine Dicke mit dem Fünfkaräter am kleinen Finger, bestellte sich jeweils zwei, drei Portionen von den ausgewählten Gerichten, ob Steak, ob Käse oder am liebsten von den Alaska-Königskrebsen, die allerdings selten auf der Speisekarte standen. Das liebenswürdige und durchaus nicht anspruchsvolle rheinische Ehepaar am Tisch sprach seit Jalta immer öfter von Kaviar und von den üppigen Tafeln auf der „Bremen“, auf der sie eine Nordlandreise gemacht hatten. Jeden dritten Tag habe es dort Kaviar gegeben, und reichlich. Sie meinten, auf einer Luxuskreuzfahrt und bei dem Preis von mehr als 15 000 Mark für zwei Personen plus fünf Prozent Trinkgeld, die gleich beim Bezahlen der Reise abgezogen worden waren, sei das zu erwarten.

Je länger die Reise dauerte, um so öfter entwickelten sie ihre Lieblingsidee von einem exklusiven Schlemmerlokal an Bord, wo der Gast gegen Bezahlung ein Sektfrühstück mit Kaviar einnehmen kann, wann er will. Der Kaviar ging ihnen seit Jalta nicht mehr aus dem Sinn. Und schließlich: So abwegig war das nicht. Versuche dieser Art haben Schiffe gemacht, und der Andrang war so groß, daß es Ärger gab, weil der Platz nicht reichte. Aber obwohl wir zwei Kaviarländer besucht hatten, war ausgerechnet dieser Luxus nicht vorgesehen.

Es gab in den Südhäfen auch Früchte, Erdbeeren, Kirschen und frisches Gemüse in Fülle, doch erschienen sie zu selten auf der Tafel. So erhob sich die Frage, ob der weltweite Ruf des Schiffsessens schon Legende sei, und es wurde gelästert, daß die immer zähen Fasanen und Enten schon seit zwei Jahren im Liniendienst nach New York mitführen, immer wieder zu schnell aufgetaut und wieder eingefroren, weil der Appetit der Gäste nicht vorauszusehen war, was Speisen verdirbt. Die Kühlhäuser an Bord und Rechauds in der Küche, die alles stundenlang warmhalten, sind, wie so viele Neuerungen, eben perfekt und praktisch, aber nicht förderlich für die Qualität, und das Quantitätsprinzip schließt ohnehin das Qualitätsprinzip aus. Auf der Weinkarte standen wenig Spitzenmarken, sie waren schnell ausverkauft.