Von Adolf Metzner

An drei Tagen sahen 60 000 in Stuttgart die 67. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Sie bewunderten eine Fülle hervorragender Leistungen, die manchmal allerdings von einem wohltätigen Rückenwind begünstigt waren. Den 200-m-Läufern und -Läuferinnen blies dagegen ein Gegenwind ins Gesicht, der die Zeiten um ein bis zwei Zehntel Sekunden verschlechterte.

In den Staffeln am Sonntagnachmittag, den drei letzten Konkurrenzen, knisterte es von komprimierter Spannung. Sie wurde durch einige scheinbare Kuriosa etwas aufgelockert. Als der Schlußmann der Sprintstaffel des Mainzer Universitäts-Sportklubs, Professor Dr. Steinbach, ausgerufen wurde, kam lauter Beifall von den Rängen. Das hat es bei sechsundsechzig Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften noch nie gegeben, ein richtiger Universitätsprofessor, der noch in einen Endlauf gekommen war.

Einige Meter vor dem 34jährigen Professor stürmte ein bärtiger Provo siegreich dem Ziel entgegen. Peter Gamper war in solcher Verkleidung kaum wiederzuerkennen. Er stürmte und siegte für eine bekannte Schuhfabrik in Kornwestheim, die ein Kriechtier im Wappen führt – natürlich für deren Sportklub.

40,0 Sekunden zeigte die Zeitmessung – für europäische Verhältnisse ebenso wie die 40,1 Sekunden der Polizei Hamburg eine respektable Leistung –, denkt man aber an die 38,6 Sekunden der Kalifornier für 440 Yards, das sind sogar noch etwas mehr als 402 Meter, so klingt der Jubel schon temperierter.

Auch der siegreiche Schlußmann über 4X400 Meter (in sehr guten 3 :09 Minuten) hatte ein Firmenzeichen auf seiner Brust. Deutsche pharmazeutische Wertarbeit – Bayer Leverkusen. 150 000 Mark geben die Bayer-Werke für ihre Sportabteilung im Jahr aus und leisten sich dafür auch noch einen hochbezahlten „Erfolgstrainer“. Der Sport, so hört man, solle dankbar sein, daß sich solche Firmen ihren eigenen Sportverein soviel kosten lassen und damit mithelfen, daß wir gegen die übermächtige, vielfach geförderte Konkurrenz aus der Sowjetunion und den USA einigermaßen bestehen können. Aber vielleicht sollte es doch möglich sein, sich von den Radprofis, die ja oft fahrenden Litfaßsäulen gleichen, noch deutlicher zu distanzieren.

Die Spitzensportler des dritten großen Firmensportvereins, des VfL Wolfsburg, haben gezeigt, daß dies möglich ist. Sie trugen jedenfalls keinen Volkswagen als Wappen auf ihrer Brust. Um sie ist es allerdings ziemlich ruhig geworden.