Hamburg

Der Händler der aus der Kälte kam, hatte schon in London Geschäfte gemacht, bevor er sich anschickte, an der Alster sein Geld zu kassieren. Diesmal ging es, an Stelle der 10 000 englischen Pfund, die er in London einsteckte, um harte deutsche Mark.

Victor Louis, wohnhaft in Moskau, sowjetischer Staatsbürger, 39 Jahre alt, hatte sich im Hamburger Hotel Prem einquartiert. Mit der dicken, goldgefaßten Brille und seinem deutlichen Bauchansatz sah er aus wie eine Mischung aus gerissenem vorstädtischen Vertreter für Gebrauchtwagen und einem Privatdozenten für Zeitgeschichte.

Das Stubenmädchen hatte sein Bett noch nicht gemacht, die Socken und der gelbseidene Schlafanzug lagen herum, ein Wust von englischen, amerikanischen und deutschen Zeitungen bedeckte den Boden. Victor Louis drückte eine Zigarette nach der anderen aus und redete sich in Rage: „Ich bin kein Agent des Kreml. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch und loyaler Bürger meines Staates.“

Der ganz gewöhnliche Mensch und loyale Bürger hatte, als er in Moskau das Flugzeug nach London bestieg, recht ungewöhnliches Gepäck bei sich: ein dickes Paket mit rund 200 Photos. Es waren dies Aufnahmen aus Stalins Familienalbum: Der Diktator inmitten seiner Frau, seiner Kinder und Freunde, lesend auf einem Sofa, spielend im Garten, plaudernd mit seinem Geheimdienstchef Berija. Photos, um die sich jede Zeitung und Illustrierte reißt: „Stalin, wie ihn noch keiner sah.“ Doch damit nicht genug.

In dem Gepäck des Reisenden aus Moskau befindet sich ein 307 Seiten starkes, eng beschriebenes Manuskript. Es ist betitelt „Mein Leben mit Vater – Zwanzig Briefe an einen Freund“ und verfaßt von Swetlana Allelujewa, dem verhätschelten Lieblingskind Stalins.

Victor Louis’ Moskauer Mitbringsel sollten sich als Molotow-Cocktails entpuppen, die die großen Zeitungs- und Buchverlage in London, Paris, New York und Hamburg in Schrecken versetzten. Kein Buch, so hatten amerikanische und europäische Verleger kalkuliert, würde ihnen so viel Geld einbringen, wie die Memoiren von Swetlana Stalina. 3,2 Millionen Mark hatten sie bereits dafür ausgegeben. War die Flucht von Stalins Tochter nach Amerika schon eine Sensation gewesen, so sollten nach dem Willen der Verleger ihre Erinnerungen das Buch des Jahres 1967 werden – gezielt auf den Büchermarkt geworfen zum 50. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution.