Von Marcel Reich-Ranicki

MARCEL REICH-RANICKI: Einige deutsche Schriftsteller, auch bedeutende, haben in den letzten Jahren ihre eigentliche Arbeit mehrfach unterbrochen, weil sie es für ihre Pflicht hielten, in die Politik unmittelbar einzugreifen. Was meinen Sie dazu?

HEINRICH BÖLL: Im Jahre 1965 konnte einer noch, was er heute beim besten Willen nicht mehr kann: auf die SPD hoffen. In einem Land, in dem es keine Linke mehr gibt, nur noch linke Flügel von drei überwiegend nationalliberalen Parteien, ist es sinnlos, Zeitverschwendung, sich parteipolitisch zu engagieren. Als Schriftsteller kann einer nur mittelbar politisch wirken, und er muß auf diese mittelbare Wirkung vertrauen. Sonst muß er Politiker werden, Aktionen leiten oder einleiten. Die einzige Pflicht eines Schriftstellers ist eine selbstgewählte, selbstauferlegte: zu schreiben. Und je engagierter er sich glaubt, fühlt, weiß, desto mehr sollte er nach Ausdruck suchen.

Ist nicht zu befürchten, daß sich der Schriftsteller, der eine indirekte politische Wirkung anstrebt, früher oder später verdeutlichender, ja vergröbernder Mittel bedienen wird, die den künstlerischen Wert seiner Arbeit beeinträchtigen? Glauben Sie, daß sich der Schriftsteller um der größeren erzieherischen Wirkung willen primitiverer Ausdrucksmittel bedienen darf?

BÖLL: „Vergröbern“ und „verfeinern“ sind Vokabeln, die in diesem Zusammenhangnicht angebracht sind. Es gibt gar keine primitiven künstlerischen Mittel. Möglicherweise gibt es so etwas wie „Vereinfachung“. Aber gerade dieses „Einfachwerden“ setzt eine ungeheure Verfeinerung der Mittel voraus, unzählige komplizierte Vorgänge. Eine Sprache, die als „natürlich“ bezeichnet wird, hat meistens mindestens sieben Bewußtseinsstufen passiert. Als Schriftsteller kann einer gar nicht unter sein Niveau gehen. Natürlich können sich der Schriftsteller und der Zeitgenosse manchmal trennen, und der letztere kann dann, isoliert vom ersteren – dem Schriftsteller – „Scheiße“ schreien und Ohrfeigen austeilen.

Glauben Sie, daß die Schriftsteller einen nennenswerten Einfluß auf die Politik in der Bundesrepublik auszuüben vermochten?

BÖLL: Es ist offensichtlich, daß die Schriftsteller seit 1945 einen Einfluß auf die deutsche Politik ausgeübt haben. Vor allem haben sie der Bundesrepublik außenpolitisch einen Kredit eingebracht, den diese gar nicht verdient. Im übrigen glaube ich nicht nur, sondern weiß ich, daß sie etwa innerhalb des deutschen Katholizismus, also innerhalb einer Bevölkerungsgruppe, die immerhin fünfzig Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, eine große Wirkung gehabt haben. Die Wirkung war nicht so sehr kirchenwie innenpolitisch, was die Bundestagswahl von 1965 bewiesen hat.