Von Heinz Josef Herbort

Mit einer halben Anzeigenseite warb die „Direction des Bades“ 1890 in der Illustrirten Zeitung für den jungen Kurort: „Das Stahlbad ‚Victoria‘, Hitzacker ist Bahnstation und liegt wildromantisch, unmittelbar am Wald und an der Elbe. Kurkapelle, Kurtheater, 6 Hotels mit allem Comfort der Neuzeit wie auch billige Privatwohnungen, herrliche Spazierwege im Walde mit überraschenden Aussichten über die Elbe bis weit nach Mecklenburg hinein, Réunions, Kahnfahrten, Croquet, Billardsäle, Waldfeste, Fischerei, Park mit Hochwald, die tausendjährige Eiche beim Schloß, die Riesenkastanie, das kaiserliche Jagdschloß in der Göhrde, die Hünengräber bei Mendelfitz etc. etc. Das Wasser ist das wirksamste Eisenwasser der Welt, dabei sehr leicht verdaulich, Prämiiert mit 3 Ehrendiplomen, 3 Goldenen Medaillen etc. in Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien. Von den ersten Autoritäten empfohlen.“

1883 hatte man in Hitzacker die eisenhaltigen Quellen entdeckt; Gründerzeit, Baukonjunktur; hochfliegende Pläne, schnell besaß man mustergültige Anlagen, und im Kurtheater auf dem Weinberg gastierte das Staatstheater Schwerin.

Gut zwanzig Jahre später allerdings war die ganze Herrlichkeit schon wieder vorbei, und schuld daran waren die Hamburger, die ihren Hauptbahnhof bauten: In Hitzacker fanden clevere Unternehmer Kies, sie bauten Abraumanlagen, eine Lorenbahn brachte das Steinzeugs an das Elbufer, die Abfüllrutschen für die Elbkähne machten einen Höllenlärm. Interventionen der Kurverwaltung nutzten nichts, die Kurgäste blieben weg, schließlich riß man ein Gebäude nach dem anderen ab.

1945 und noch 1946 retteten sich Hunderte von Flüchtlingen bei Hitzacker mit einer der wenigen noch funktionierenden Fähren nach Westen über die Elbe. Viele blieben in der kleinen Stadt hängen, träumten von einer neuen Existenz, ihr Optimismus war damals, heute wissen wir es, etwas zu groß.

Hausmusik zählte zu den Hauptbeschäftigungen an den Abenden jener frühen Jahre. Und Hausmusik und volkstümliches Singen brachte ein Programm zustande, mit dem 1946 die ersten „sommerlichen Musiktage Hitzacker“ veranstaltet wurden: ein Chorkonzert des Frauenchors Hitzacker, „Musik, Rhythmus und Bewegung“ mit einem Laienspielchor, Darbietungen der Kurkapelle Bading, Vorspielabende der Privatmusiklehrer und ein Chorfest im Schützenhaus, das alle Chöre des Kreises Lüchow-Dannenberg zusammenführte.

Zwei Jahre später kamen zu den Laien die ersten Berufsmusiker, der Kammermusikkreis Scheck-Wenzinger, zeitgenössische Kunstmusik wurde vorgestellt: Marx, Höffer, Reutter, Genzmer, Höller, Hindemith.