Von Willi Bongard

Die Tradition der bildenden Kunst ist mit einem Wort eine Tradition des Hand-Werks. Aus gutem Grund ist bis in die Renaissance hinein kein Unterschied zwischen Künstlern und Handwerkern gemacht worden. Albrecht Dürer noch hat, sein Metier durchaus als Handwerk verstanden. Die Unterscheidung zwischen Kunstwerk und Handwerk, zwischen Künstlern und Handwerkern ist eine Erfindung der Neuzeit, nebenbei eine höchst umstrittene Erfindung, die heute nicht von ungefähr wieder in Frage gestellt wird. Wo man im Einzelfalle die Grenze zwischen Kunst, Handwerk und Kunsthandwerk zu ziehen, hat, darüber gehen die Meinungen immer noch und immer wieder auseinander, eben weil es an zuverlässigen Kriterien fehlt. Es gibt denn auch nicht wenige Künstler, die ihre Zweifel daran äußern, ob es überhaupt so etwas wie „Kunst“ gibt.

Wie dem auch sei, in dem Maße, wie Künstler sich moderner Materialien und Hilfsmittel – vom Chromnickelstahl über Neonröhren bis zum Polyesterschaumstoff – bedienen und bewußt darauf verzichten, ihren Ängsten und Hoffnungen, Freuden und Leiden, Sympathien und Antipathien Ausdruck zu geben, mithin jeder Art von Expressionismus abschwören, wird erstmalig auch der Weg zur Serien- und Massenfabrikation frei – mit dem Vorteil der Kostendegression. Denjenigen, die es gewohnt sind, im Kunstwerk die einzigartige und unverwechselbare Manifestation einer Künstlerpersönlichkeit zu sehen, mag sich der Magen umdrehen bei dem Gedanken an die Entpersönlichung des Kunstwerks, die sich da am Horizont abzeichnet.

Die Entpersönlichung und Entromantisierung des Kunstwerkes, die mit der Anwendung industrieller Produktionsverfahren unter Verwendung moderner Materialien in der Tat verbunden ist, ist jedoch nicht etwa eine bedauerliche Begleiterscheinung des neuen Konzepts, sondern entspricht durchaus den Intentionen heutiger Künstler. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Verständnis der neuen Kunst ist die Erkenntnis, daß sich der ästhetische Wert eines Kunstwerks nicht aus der Rarität des Objekts, sondern primär aus der Rarität der Qualität des künstlerischen Einfalls bestimmt.

Die Architektur liefert das klassische Beispiel dafür, daß Idee und Ausführung im Bereich der Kunst nicht notwendig zusammenfallen müssen. Es schmälert das Ansehen eines Architekten nicht im geringsten, wenn er seine Bauwerke nicht selber ausführt, wie es auch dem Ansehen eines Komponisten keinen Abbruch tut, wenn er die Aufführung seiner Werke anderen überläßt. Die Musik liefert darüber hinaus ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie es gelungen ist, mit Hilfe der modernen Technik selbst die größten Werke für den kleinsten Geldbeutel erschwinglich zu machen – auf dem Weg über die Schallplatte und das Tonband. Es ist nicht einzusehen, weshalb sich die bildende Kunst nicht ähnlicher Verfahren bedienen sollte, um endlich aus ihrer Exklusivität herauszufinden, die bisher einer größeren Verbreitung von Bildern und Plastiken mit im Wege gestanden hat.

Es geht in Zukunft etwa nicht nur darum, das bekannte Arsenal von Reproduktionstechniken zu erweitern, obwohl auch auf diesem Gebiet noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Reproduktionen haftet allzusehr ein Ersatzcharakter an, als daß sie das rechte Verhältnis zum Kunstwerk selbst schaffen könnten. Es geht vielmehr darum, das Prinzip der Einmaligkeit des „Originals“, wenn nicht völlig über Bord zu werfen, so doch zu ergänzen durch plastische Kunstwerke, die von vornherein multiplizierbar gestaltet und in großer Zahl hergestellt werden können – zu entsprechend niedrigen Preisen.

Die unprätentiöse Einstellung gegenüber dem Kunstwerk in allen ihren Konsequenzen ist jedoch durchaus nicht nur auf die junge Künstlergeneration beschränkt. Immerhin haben sich bisher schon bedeutende Künstler wie Jean Arp, Duchamp, Man Ray, Munari, Ad Reinhardt, Barnet Newman und Philip Guston an dem einen oder anderen Projekt multiplizierbarer Kunst beteiligt. Zu den New Yorker Künstlern der älteren Generation, die sich insbesondere auch durch Andy Warhol und dessen revolutionäres Konzept der mechanisierten Kunstproduktion haben anregen lassen, zählt auch Louise Nevelson, die wohl über jeden Verdacht modischer Extratouren erhaben und international angesehen ist.