Weltpremiere des Gesäß-Films „No. 4“von Yoko Ono

Es gibt die verschiedensten Arten von Filmen. Es gibt Dokumentarfilme und Spielfilme, es gibt Filmkomödien und -dramen, sentimentale und erotische, historische und Sciencefiction-Filme. Es gibt unzählige Streifen über Gangster, Spione, Pop-Sänger und viele über Wein-Weib-Gesang. Es gibt jedoch nur einen Film über Hintern. Am 8. August war Weltpremiere.

Wen das Wort erschrecken sollte: Der Film besteht aus nichts anderem als 365 von ihnen, beiderlei Geschlechts und völlig unverhüllt. Das Werk ist die Schöpfung der japanischen Avant-garde-Künstlerin Yoko Ono, deren Existenz mir, ich bekenne es, bisher entgangen war, obwohl sie offenbar ein Idol amerikanischer und japanischen Hippies ist. Yoko Ono erfand vor siebzehn Jahren eine neue Kunstform, die aus „Kompositionen von Musik, Malerei, Poesie und Objekt“ besteht und die sie – zum Unterschied von happening – kurz und bündig event nennt. Sie figurierte in New York und Montreal zusammen mit so scharf profilierten Persönlichkeiten wie Max Ernst, John Cage, Marcel Duchamp, Robert Rauschenberg und Karlheinz Stockhausen.

In England hingegen – und ich zitiere jetzt die Worte ihres Filmdirektors –, „in England ersann sie das exzentrische Projekt, die nackten Hintern eines Querschnittes der Londoner Bevölkerung zu filmen, wobei sie von der Überzeugung ausgeht, daß sie damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens leistet“.

Miß Ono drückt es noch dramatischer aus: „Die 365 Hintern gehören 365 Heiligen unserer Zeit.“

Die „Heiligen“ wurden durch ein Inserat in der Theaterzeitschrift „The Stage“ entdeckt; es war unklar genug gehalten, um hunderte von Interessenten in ein kleines Filmstudio zu locken. Als ihnen enthüllt wurde, was enthüllt werden sollte, trat die Mehrzahl entrüstet und unverrichteter Dinge die Heimreise an. Immerhin blieben genügend viele zurück, die – da sie nun mal die Fahrtkosten bezahlt hatten – um des künstlerischen Experiments willen bereit waren, der Kamera ihre Kehrseite zu zeigen. Das Ergebnis – fünfzehn Sekunden lange Aufnahmen der 365 Sitzflächen schreitender Männer und Frauen – wurde dann zu einem Film von anderthalb Stunden Dauer zusammengefügt.

Es kommt natürlich auf den Standpunkt des Betrachters an, ob er „No. 4“, wie Yoko Ono dieses Dokument benannt hat, als den Gipfel der Geschmacksverirrung ansieht oder als einen kühnen Vorstoß in bisher unerforschtes Neuland filmischen Ausdrucks. ICA, das englische Institute of Contemporary Arts (Präsident: Sir Herbert Mead), ist der zweiten Ansicht. Es übernahm das Protektorat über „No. 4“ und führte, nachdem die Zensur die Vorführung der Gesäßparade untersagt hatte, einen monatelangen und schließlich erfolgreichen Kampf für ihre Freigabe. Angesichts dieser moralischen Rückendeckung (wenn dieses Wort unter Exhibitionisten nicht fehl am Platz ist) überwand ich meine instinktiven Bedenken und versuchte, mich von der Richtigkeit der Bemerkung Yoko Onos zu überzeugen: „Dieser Film wird den Menschen in fünfzig Jahren beweisen, daß die sechziger Jahre nicht nur ein Zeitalter der Errungenschaften waren, sondern auch eine Ära des Gelächters“.