Von Marietta niederer

Paris

Das große Defilé in Paris ist zu Ende, der Zentimeter-Wettkampf der Mini- und der Maxi-Röcke auch. Anfangs hatten, wadenlange Röcke noch mächtig Aufregung verursacht, später sorgten kniefreie oder knielange für Beruhigung. Sieger um Längen also gibt es keinen, oder: Gesiegt haben alle Längen. Frage: Wie ist die neue Mode? Antwort: Wie man will. Was befiehlt die Pariser Mode? Nichts. „Die neue Mode“ hat sich in den Plural begeben.

Das ist – neben all den vielen kleinen Neuigkeiten – die eigentliche Neuigkeit von Paris: der Verzicht auf die „Diktatur einer Mode“. Es wird nicht mehr diktiert, Paris versucht sich in der Liberalität. Es gibt Mode für Dünne und für Dicke, für Kurze und für Lange, für hübsche und für andere Beine, für flache und volle Brüste, kurze und lange Hälse, weiße und rote Haare, für kindliche und gereifte Damen – für jeden etwas und alles ziemlich „tragbar“.

Mit dieser Zäsur in der Mode der Neuzeit in Paris endet, so scheint es, ein ganzer Mode-Mythos. Wo vieles Mode ist und vielerlei als Mode toleriert wird, hört Mode auf, im traditionellen Sinne Mode zu sein: „Hübsch“ und „individuell“ sind wichtiger geworden als „modern“ oder „avantgardistisch“ oder „dernier crie“.

Wer die Modediktatur als Last empfand, wird frohlocken: Nun seien alle Fesseln gesprengt, Freiheit bedeute Erleichterung. Andere werden nun erst recht ratlos, weil sie die Anweisung vermissen, was die Mode diesmal befehle. Die Dritten werden bedauern, daß nun ein (jedesmal spannendes) gesellschaftliches Spiel fürs erste abgebrochen worden ist – wenngleich es mit neuen Regeln weitergeht. Regeln freilich, die mehr mit wirtschaftlicher Kalkulation als ästhetischem Wagnis zu tun haben, seit die Couturiers im Begriff sind, Konfektionäre zu werden. Wer vielen etwas bieten muß, leistet es sich nicht mehr, Diktator zu sein.

Bei 35 Grad Hitze (draußen) und unter Scheinwerfern (drinnen) erwartete man von Dior die Bestätigung einer neuen Rocklänge. Man starrte erwartungsvoll auf die dunkel bestrumpften Beine der Mannequins. Doch siehe da, die Röcke blieben kniefrei. Nach allen extravaganten (oder überzeugenden) Versuchen rund um das Bein, die die ersten drei Tage beherrscht hatten, breitete sich unversehens Langeweile in den Salons aus.