Es ist 35 Jahre her, daß Paul Löbe den Sessel des Reichstagspräsidenten räumen mußte. Von 1920 bis 1932 hatte er dieses Amt geführt. Der ihm auf diesem Platz folgte, symbolisierte den herannahenden Verfall der Weimarer Republik: Es war Hermann Göring. Dann ward es still um Paul Löbe.

Erst nach dem Krieg trat er wieder an die Öffentlichkeit. Er gehörte dem Parlamentarischen Rat an und wirkte mit an unserer Verfassung. Im Jahre 1949 eröffnete er als Alterspräsident die erste Sitzung des Deutschen Bundestages. Anfang der fünfziger Jahre half er für ein Stündchen aus und übernahm das Parlamentspräsidium. Der herzliche Applaus der Abgeordneten ließ den alten Herrn erröten. Die Sitzung leitete er mit Sanftmut und zarter Stimme – wie im alten Reichstag.

Er war keine markige oder kantige Figur. Er war ein unauffälliger Mann, mit einem ausgeprägten Sinn für Anstand und Ehre. Und er war ein Kavalier. Den Frauen des Parlaments legte er zum Geburtstag einen Rosenstrauß auf das Abgeordnetenpult. Nein, Paul Löbe war kein hartgesottener, karrierebesessener Parlamentslöwe. Rauheit war ihm zuwider. Er war ein braver und aufrechter Demokrat, mit einem Schuß Idealismus – ein Mann, der sein Leben der Partei, der SPD, verschrieben hatte. Mit 15 Jahren trat er ihr bei. In Liegnitz wurde er geboren. Er lernte Schriftsetzer, ging noch auf Wanderschaft, wurde später Journalist und mußte im wilhelminischen Deutschland als„ vaterlandsloser Geselle“ ins Gefängnis. 1933 und nach dem 20. Juli 1944, als Vertrauter Leuschners, wurde er ins KZ eingesperrt.

Obwohl Paul Löbe nach dem Kriege kein Amt von wirklicher Bedeutung mehr übernahm, zehrte er bis zum letzten Tag von der großen Zeit als Reichstagspräsident, als einer der wenigen höchsten sozialdemokratischen Repräsentanten des Staates. Es fehlte in den zwanziger Jahren nicht an Spott wegen seiner unendlich geduldigen und friedfertigen Amtsführung. Aber Achtung und Respekt überwogen und später gab es nur Ehrfurcht für den führenden Veteranen der Republik, die er so würdig zu verkörpern verstand.

Löbe hätte vielleicht Reichspräsident werden können oder Minister. Ihm war daran nicht gelegen. Er diente dem Parlament auf seinem ersten Platz, und er gab ein Beispiel, das lange Zeit lebendig blieb. Jetzt, wo Paul Löbe im Alter von 91 Jahren der Tod ereilte, wird seiner überall ehrend und dankend gedacht. Er hat es verdient.

–er.