Von Gert Kreyssig

Tags zuvor hatten die Beiruter Zeitungen in fetten Lettern noch von den (bisher letzten) Luftgefechten und Artillerieduellen in der Suezkanalzone berichtet, da kabelte der NUR-(Neckermann und Reisen) Späher in seine Heimatzentrale nach Frankfurt, daß alles in Ordnung sei. Und zwei Tage später landete eine Comet-Jet der Middle East Airlines Air Liban mit 93 deutschen Urlaubern in der libanesischen Hauptstadt. Damit ist es dem Libanon geglückt, die touristischen Beziehungen wiederaufzunehmen. Sie waren nach libanesischem Sprachgebrauch nur „vorübergehend unterbrochen“.

Der Landung der ersten Chartermaschinen nach dem israelisch-arabischen Krieg ging ein levantinischer Werbefeldzug voraus. Bereits drei Wochen nach Kriegsbeginn teilte der libanesische Minister für Tourismus dem Herrn Josef Neckermann mit, daß alle Deutschen im Libanon mit traditioneller Gastfreundschaft empfangen würden und seine Regierung die volle Verantwortung für die Sicherheit der Gäste übernehme. Gleichzeitig starteten die Vertreter der privaten libanesischen Fluggesellschaften MEA eine Gutwettertournee durch die Bundesrepublik. Als besonderen Lockvogel ließ man dabei die Mitteilung los: Die Hoteliers hätten sich entschlossen, bis zu 50 Prozent Rabatt zu gewähren. „Ich glaube, der Libanon ist jetzt das billigste Reiseland“, orakelte ein MEM-Mann.

Der Libanon lebt vom Bankengeschäft, vom Handel und vom Tourismus. Rund 20 000 Menschen des 17,7-Millionen-Volks sind direkt oder indirekt am Fremdenverkehr beteiligt. Die Hotellerie ist verwöhnt. „Wir haben eine durchschnittliche Belegung im Jahr von über 90 Prozent“, sagt der Schweizer Manager des „Phoenicia-Intercontinental“. Bis zum 4. Juni waren die 600 Betten fast vollzählig belegt, zwei Tage später waren nur noch acht Gäste in der Luxusherberge. Wochenlang standen die Strandhotels außerhalb der Stadt völlig leer.

Unter dem Druck der Hoteliers, die Massenentlassungen von Personal ankündigten, entschloß sich die Regierung zur Ankurbelung des Tourismus. Die ersten Touristen, ein paar Franzosen, lasen ihre Namen in den Zeitungen. Tourismus-Minister Cheikh Michel El Khoury, Sohn des ersten Präsidenten der Republik, empfing mit zuversichtlichem Lächeln eine Gruppe deutscher Zeitungsleute und bat, dem Reisepublikum mitzuteilen, daß der Libanon „ein besonderes Land“ im Nahen Osten sei, sozusagen ein liberales, das es mit niemandem verderben wolle. Von Politik wurde nicht gesprochen.

Die erstaunliche Preisreduzierung bis zu 50 Prozent, in Deutschland so dargestellt, als könne man in einem Hotel I. Klasse für zwölf Mark Vollpension Ferien machen, hat an Ort und Stelle einen Pferdefuß. Sie ist. eine Idee des Hotelierverbands, aber nicht allgemeingültig. Das „Phoenicia“ mit seinen Preisen auf Dollarbasis handhabt die Sache beispielsweise so: 30 Prozent Ermäßigung für Gruppen ab 15 Personen und einem Mindestaufenthalt von vier Tagen. Auf die Pauschal-Charterflugreisen wirkt sich der Preisabschlag kaum aus, weil den großen Veranstaltern schon immer Höchstrabatte gewährt wurden. Die Lockpreise (unter 600 Mark für Flug und 14 Tage Zimmer mit Frühstück) sind gegenüber früher kaum verändert. Der Einzelreisende, der um Hotelprozente feilschen kann, zahlt dafür mehr als 1400 Mark allein für den Flug.

Jedoch: Der Libanon ist augenscheinlich zum Alltag zurückgekehrt. Menschengewimmel in den Straßen, von Beirut, Hupkonzerte, überquellende Marktstände. Buben zupfen wieder den Fremden am Jackett, er möge ihnen Kaugummi, made in USA, abkaufen. Das „Casino du Liban“ läßt seine Revue wieder über die Bühne gehen. An den Spieltischen klingelt die Kasse.