Von Iiansjakob Stehle

Bukarest, im August

Unten am marmornen swimming-pool, der zwischen englischem Rasen und Blumenbeeten in den weißen Sand des Schwarzmeer-Strandes gebettet ist, standen fast sechs Stunden lang verwaist die drei Staatstelephone, die auch hier noch den ersten Mann Rumäniens direkt mit der Hauptstadt und ihren Kommandozentralen verbinden. Ein heißer Wind strich über die einsame Bucht von Eforil-Nord, spielte mit den Sonnensegeln des kreisrunden, auf einem zierlichen Pfeiler ruhenden open-air-Konferenzraums hoch über dem Strand, mit den Zeitungen und Badetüchern auf den französischen Gartenmöbeln des Parteichefs. Darüber, auf einer sanften Anhöhe, der Bungalow, eine Anlage, die in Florida oder an der Riviera liegen könnte – nur daß die Millionäre dort kaum die Dienerschaft finden, die man hier in weißen Smokings über die Glasterrasse eilen sah.

Drinnen, gekühlt von einer amerikanischen Klimaanlage, sprach Enicolae Ceausescu, der Hausherr, schon seit Stunden mit "seiner Exzellenz, dem Herrn Stellvertreter des Bundeskanzlers und Minister des Auswärtigen der Bundesrepublik Deutschland Herrn Dr. h. c. Willy Brandt", wie es protokollarisch exakt in jeder rumänischen Äußerung hieß.

Man spürte, daß Byzanz nicht nur geographisch näher lag als Moskau.

Der Parteichef, anfangs noch etwas befangen, taute schnell auf. Mit der Geste eines Souveräns hatte er das Nachmittagsprogramm streichen und den Bürgermeister von Konstanza vergebens auf Brandts Besuch warten lassen. Ceausescu wollte dem Bonner Vizekanzler, aber auch dem SPD-Chef, auf den politischen Zahn fühlen.

Diese Neugier war schon wenige Stunden nach der Ankunft Brandts in Bukarest erregt worden, als der Minister das Dinner seines Kollegen Manescu mit einer Tischrede würzte, die in dieser Form niemand erwartet hatte. Manescus Begrüßungstoast war der deutschen Botschaft, wie üblich, im voraus zugeleitet worden. In Bonn hatte man sich entschlossen, einen Hinweis des Rumänen wörtlich und positiv aufzugreifen, wonach bei der europäischen Sicherheit "von den gegebenen Realitäten auszugehen" sei. Im ersten Gespräch mit Manescu jedoch entdeckte Brandt, daß "auch so aufgeschlossene Gesprächspartner wie die rumänischen, unsere Bemühungen um Entkrampfung in Deutschland nicht genug mitgekriegt haben".