Aktien sind mit einem Schlag wieder populär geworden. Nichts wirbt besser für sie als die Hausse. Was sich in den ersten Augusttagen in den Börsensälen abgespielt hat, erinnert stark an die Kursbewegungen der endfünfziger Jahre, als Aktien Mangelware zu werden schienen. Wie ist es zu dieser ungewöhnlichen Situation gekommen? Ist nicht über das Ziel hinausgeschossen worden? Müssen wir einen kräftigen Rückschlag befürchten?

Das sind Fragen, meine verehrten Leser, mit denen wir uns heute beschäftigen wollen. Soweit sie die Zukunft betreffen, lassen sie sich natürlich nur mit Vorbehalt beantworten.

Bis zum Beginn dieser Woche betrug der Kursanstieg an den deutschen Aktienmärkten seit Jahresbeginn nach dem ZEIT-Volkswirt-Index

22,6 Prozent, geht man von den Jahrestiefstkursen aus, dann lagen die Kurse sogar um etwa 28 Prozent höher. Im Jahre 1966 waren die Aktienkurse um durchschnittlich 13 Prozent gefallen. Die diesjährige Bilanz verspricht also erheblich besser auszufallen.

Kritiker der raschen Aufwärtsbewegung machen darauf aufmerksam, daß sich die konjunkturellen Daten zwar etwas verbessert haben, aber keineswegs in einem Umfang, der einen derartigen Stimmungsumschwung an der Börse rechtfertigen würde. Das ist richtig. Aber es ist schon immer so gewesen, daß die Kapitalanleger wirtschaftliche Phasen vorwegzunehmen suchen.

In letzter Zeit haben sie das zweimal versucht. Einmal als die regierungslose Zeit des Kabinetts Erhard beendet war, und zum anderen im ersten Quartal 1967, als feststand, daß die Regierung Kiesinger, unterstützt von der Bundesbank, der Wirtschaft wirksame Konjunkturspritzen verabreichen würde. Beide Male lief sich die Aufwärtsbewegung rasch tot, weil die Masse der Aktiensparer nicht aus ihrer Reserve herauszubringen war. Sie ließ sich durch die rückläufigen Gewinne der Industrie und der meist düsteren Prognosen ihrer Manager mehr beeindrucken als durch die Aussicht auf eine konjunkturelle Belebung mit staatlicher Nachhilfe. Schließlich sorgte auch der Nahost-Konflikt für einen kräftigen Rückschlag.

Auf der niedrigen Kursbasis begannen dann einige Großanleger, darunter vor allem Versicherungen, ihre Aktienportefeuilles anzureichern. Sie erwarben beträchtliche Posten, die vorerst kaum wieder auf dem Markt erscheinen werden. Verkäufer waren zum Teil Banken, die noch eine längere Durststrecke „voraussahen“, die der Meinung waren, daß sinkende Gewinne und steigende Kurse nicht gut zueinander passen, und die in der „mittelfristigen Finanzplanung“ der Bundesregierung ein klares Konzept vermissen und der Meinung sind, daß darin zuviel von der Erhaltung des sozialen Besitzstandes und zuwenig von einer wirklichen Förderung der privaten Wirtschaft enthalten ist.