Die Hamburger Tennis-Gilde darf mit dem Verlauf ihrer 61. Internationalen Meisterschaften von Deutschland zufrieden sein. Die Neun-Tage-Monstreveranstaltung am Rothenbaum wies, sieht man von den Damen-Konkurrenzen ab, eine glänzende Besetzung auf. Unter den über hundert Teilnehmern aus 22 Nationen waren mit dem Australier Newcombe und den Südafrikanern Hewitt und McMillan drei Wimbledonsieger dieses Jahres, zu denen sich mit Emerson (Australien) und Santana (Spanien) noch zwei frühere inoffizielle Weltmeister gesellten. Die Spitzengruppe der Herren vervollständigte schließlich noch Deutschlands Spitzenspieler Wilhelm Bungert, dem es Anfang Juli gelungen war, sich in die Endrunde der immer noch begehrtesten Meisterschaften des All England Lawn-Tennis- and Crocket-Club hineinzuspielen.

Da diesmal auch unter dem „Fußvolk“ viele gute Spieler waren, setzten die Kämpfe gleich mit Elan ein. Es gab fast jeden Tag irgendein prickelndes Spiel. Man versuchte, den „Gesetzten“ ihren Weg in die Schlußrunden so schwer wie nur möglich zu machen. Manche der Kleinen zeigten den Großen die Krallen. Daß sie scheiterten, lag nicht an ihrem Können allein, sondern mehr an der geringeren Erfahrung auf der Weltbühne des Tennissports. Der erste Paukenschlag erfolgte allerdings durch Bob Hewitt, als er den Wimbledonsieger 1967, seinen früheren australischen Landsmann Newcombe, mit einer Fülle großartiger Schläge, die er in seinem Ideenreichtum stets zur rechten Zeit und am rechten Ort einzusetzen verstand, vom Platze fegte. Selbst älteste Tennis-Experten konnten sich nicht entsinnen, jemals ein so erregendes Spiel gesehen zu haben.

Doch dem Triumph folgte schnell die Niederlage. Der Spanier Santana, wohl der stärkste Hartplatz-Spieler der Welt, zeigte Hewitt, wo die Grenzen seines Könnens liegen, und daß man immer nur so gut ist, wie der jeweilige Gegner es zuläßt. Er holte aus seinem Repertoire von Schlägen erstaunliche Überraschungen heraus. Zwei und eine halbe Stunde lang dauerte der Kampf, und was immer auch Hewitt versuchte, den Spanier auszumanövrieren – er scheiterte an dem überragenden Können des Wimbledonsiegers von 1965. Dieses Spiel stand noch eine Stufe höher als der Kampf Hewitt – Newcombe, und das will etwas heißen.

Was am gleichen Sonntagnachmittag allerdings mit dem Deutschen Bungert geschah, war fast eine Tragödie. In knapp einer Stunde erteilte ihm der Australier Roy Emerson eine bittere Tennislektion. Er setzte den Maßstab für Wimbledon und demonstrierte den Tausenden am Medenplatz, daß der Erfolg Bungerts bei den diesjährigen Spielen in England doch wohl nur einem Zufall zu verdanken war. Dieser Feststellung widerspricht nicht die Tatsache, daß Bungert schon oft gegen viele der Besten bestanden hatte. Wieder einmal bestätigte es sich, daß Bungerts Beständigkeit in seiner Unbeständigkeit liegt. Seine glatte Niederlage, wirkte geradezu peinlich. Mit einer sympathischen Schnurzigkeit reagierte Emerson auf die verzweifelten Versuche seines Gegners, wenigstens einige Punkte zu sammeln. Emerson kommandierte, Bungert blieb nichts weiter übrig, als nach seiner Pfeife zu tanzen.

Auch mit den anderen deutschen Spielern ist es nach wie vor eine Crux. Sie verschwanden schon frühzeitig von den Plätzen. Mit ihnen ist wahrlich kein Staat zu machen. Wie soll sich das ändern? Viele meinen, es müßte mehr für sie getan werden. Uns scheint, daß zuviel für sie geschieht. An sich selber zu arbeiten und untereinander zu trainieren, kommt keinem mehr in den Sinn. Es geht nur noch mit einem teuren ausländischen Lehrer, und das Reisen in alle Welt wird groß geschrieben. Der Deutsche Tennis-Bund ist zu einem regelrechten Reisebüro geworden. Die Polen, Tschechoslowaken und Jugoslawen beweisen, daß es auch anders geht.

Mit der wachsenden Schnelligkeit und Härte des Tennisspieles scheinen in gleichem Maße der Humor und die feinen Sitten verlorengegangen zu sein. Da fliegen Tennisschläger über die Plätze, Bälle haushoch in die Luft und ins Publikum, und wenig salonfähige Flüche werden laut, wenn dem Verlierer etwas mißfällt. Man muß sich wohl damit abfinden. Die einzige Entschuldigung dürfte sein, daß, solange die Spieler bezahlt werden, sie sich so benehmen können. Der Spanier Santana allerdings, tut so etwas nicht. Er bewegt sich auf dem Meisterschaftsplatz mit der Würde eines Hidalgo, beachtet die Fauxpas seiner Gegner nicht und verschenkt großmütig auch einen sicheren Punkt, wenn er dadurch seinen mißgelaunten Gegner besänftigen kann. Stolz lieb’ ich den Spanier ...

Hamburg hat erneut seinen guten Ruf als Tennisstadt bestätigt. Nicht ohne Grund zieht es Jahr für Jahr die Großen dieses Spiels in die Hansestadt. Gehören offiziell auch die Internationalen Tennis-Meisterschaften von Deutschland nicht zu den international geschützten Turnieren wie Australien, Wimbledon, Forest Hills in Amerika, Rom und Paris, so stehen sie in der Gunst der Spieler ihnen doch gleich. So wird es auch in Zukunft bleiben. Um eine noch engere Pflege der internationalen Kameradschaft und Gastfreundschaft zu gewährleisten, gründete man dieser Tage einen Internationalen Klub von Deutschland (BRD). Dieser neuen Gemeinschaft können, als Mitglieder nur Spieler angehören, die Deutschland repräsentativ vertreten haben. Um dem Ganzen auch einen gesellschaftlichen Glanz zu verleihen, wurde Prinz Louis-Ferdinand von Preußen zum Ehrenpräsidenten gekürt, ein Amt, das in England Prinz Philip und in den Niederlanden Prinz Bernhard bekleidet. Als erste Mitglieder wird der Präsident des Klubs, Gottfried v. Cramm, die ehemaligen deutschen Davispokalspieler Curt Bergmann und Oskar Kreuzer dem Gründungskomitee vorschlagen. Würdigere konnte man sicher nicht finden. – ff –