Berlin

Eigentlich gehört er ins Gefängnis: der Grieche Evangelos Vagelis Tsakiridis. Denn seit fast zwei Jahren lebt er ohne gültige Papiere in Westberlin. Nach Paragraph 47 des Ausländergesetzes stehen darauf Strafen bis zu einem Jahr Haft.

Der vorerst letzte Versuch von Tsakiridis, zu Ausweispapieren zu kommen, scheiterte in der vergangenen Woche. Der fünfte Senat des Westberliner Oberverwaltungsgerichts bestätigte den Behörden das Recht, dem Griechen die deutsche Staatsbürgerschaft zu verweigern. Begründung: Das Athener Regime könne in der Einbürgerung des Hellenen einen "unfreundlichen Akt" sehen.

Eine deutsche Gefängniszelle oder ein Platz in griechischen Konzentrationslagern droht Evangelos jedoch vorläufig nicht. Berlins Behörden sind zu humanitären Schlampereien weiter entschlossen, die dem papierlosen Gast seit 1965 seine illegale Existenz ermöglichen. "Tsak" – wie ihn seine Freunde nennen – lebt und reist mit einem Schreiben des ehemaligen Regierenden Willy Brandt in der Brieftasche, das ihm seit Februar vergangenen Jahres die Einbürgerung "alsbald und ohne Umstände" verheißt. Selbst die Zollbeamten am Flughafen Tempelhof haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dieses schriftliche Versprechen als "Anstatt-Reisepaß" zu akzeptieren.

Eigentlich sollte Tsak Deutschland spätestens bis zum 31. Januar 1966 verlassen haben. Eine Woche Frist gab Westberlins Innenbehörde ihm damals, seine Sachen zu packen. Denn das griechische Konsulat hatte ihm die Verlängerung des Passes und das Bundesinnenministerium die Staatsbürgerschaft versagt. Erst ein deutschlandweiter Protest, dem sich anschloß, was in der Kunst- und Literaturwelt einen Namen hat, beugte Bürokratenstarrsinn und schließlich auch Gesetzesparagraphen.

Tsakiridis ist den Berlinern nämlich nicht nur ein lästiger Ausländer, sondern – bei anderer Gelegenheit – auch umworbenes und gehegtes Renommierstück des "Kulturzentrums". In neun Jahren, die er nunmehr fern der Heimat unter Deutschen lebt, wurde er zu einem über die Grenzen seiner Wahlheimat hinaus bekannten Bildhauer und Lyriker – als Deutscher und Berliner. So stellte er in Athen seine Eisenplastiken nicht als Grieche aus, sondern repräsentierte Westberliner Kultur. So schreibt er seine Gedichte, die der S. Fischer- und der Luchterhand-Verlag verlegen, in deutscher Sprache. So heiratete er eine deutsche Frau.

Das alles freilich sind dem Gesetz und dem zuständigen Bundesinnenministerium offenbar noch keine hinreichenden Kriterien für die Gewährung eines deutschen Reisepasses. Zwar erfüllt der Grieche die Voraussetzung eines untadeligen Lebenswandels, kann sich selbst ernähren und hat sich an die Gewohnheiten des Gastlandes gewöhnt. Das Ministerium verlangt obendrein auch ein Staatsinteresse an der Einbürgerung. Und eben das fehle, meinte und meint man in Bonn und Berlin. Denn der heute 31jährige hat es über seine künstlerische Tätigkeit in Deutschland versäumt, in Griechenland seinen Wehrdienst abzuleisten. Griechenland aber war und ist Mitglied der NATO. Somit liegt es im deutschen Staats- und Sicherheitsinteresse, daß er für einige Zeit Gewehrkolben statt Eisen und Verse klopft.