Von Alexander Rost

Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach nach der Trauerfeier in der Villa Hügel zu Grabe getragen wurde, lag auf dem Sarg dieselbe Rennflagge, die während der Kieler Woche im Topp seiner Jacht „Germania VI“ geweht hatte. Die Rennflagge des Hauses Krupp (die zum ersten Male 1908 auf der „Germania I“ gehißt wurde) zeigt auf weißem Grund ein rotes, beflügeltes Fabeltier, darunter die Inschrift „cave grypem“ („Hüte dich vor dem Greif“). Für die Rivalen in der Regatta war das gleichsam ein Signal: Achtung, hier wird hart und scharf gesegelt!

Die „Germania VI“ ist die größte deutsche Segeljacht, die regelmäßig an Rennen teilgenommen hat. Sie ist keine Luxusjacht, kein aufgetakelter Plüschsalon, sondern ein ozeantüchtiges Sportboot. Und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach hat an Bord nicht wie ein „Badegast“ herumgestanden; er hat mit seiner perfekten Jacht perfekt umgehen können. Vor mehr als vierzig Jahren hatte er in der Hanseatischen Yachtschule segeln gelernt. Diese Schule des Deutschen Hochseesportverbandes „Hansa“ befand sich damals in Neustadt an der Ostsee. Daß sie heute, in Glücksburg an der Flensburger Förde, die größte und schönste Jachtschule Europas ist, verdankt man zu einem wesentlichen Teil Alfried Krupp. Als Vorsitzender des Kuratoriums des Hochseesportverbandes war er ein ebenso unauffälliger wie großzügiger Mäzen.

Als Segler kam er 1936 auf der Kieler Förde zu olympischem Erfolg. Er gehörte zur Sechs-Mann-Besatzung der 8-m-R-Jacht „Germania III“, die in den Segelwettfahrten der Olympischen Spiele die Bronzemedaille gewann. Geführt wurde die „Germania III“ von Hans Howaldt, einem ehemaligen (mit dem „pour le mérite“ ausgezeichneten) U-Boot-Kommandanten. Zur Besatzung gehörte auch Hans Viktor Howaldt, der seit 1959, wie damals sein Vater, der Skipper der Krupp-Jacht ist; der ehemalige Schnellbootkommandant leitet ein Büromaschinenunternehmen in Frankfurt. Auf der „Germania V“ und dann der „Germania VI“ wurde er der am meisten erfahrene deutsche Ozeansegler.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach hatte den C-Schein, das Sporthochseeschiffer-Zeugnis, das höchste Patent im Segelsport. Für die langen Reisen hatte er selten Zeit. Auf kürzeren Regatten und bei Trimmfahrten war er fast immer an Bord. Beim Seesegler-Essen während der vergangenen Kieler Woche saß er gutgelaunt am Tisch seiner Crew, vor ihm eine heißumstrittene Trophäe; die „Germania VI“ hatte wieder einmal gesiegt. Und in diesem Zusammenhang darf angemerkt sein, daß es im strengen Bild, wie es in den Nachrufen auf Alfried Krupp von Bohlen und Halbach gezeichnet wurde, durchaus auch heitere Züge gegeben hat. Ah Bord hat er sich wohl gefühlt; unter Seglern war er, wenn man das aus der Mode gekommene Wort einmal gebrauchen will: ein oft fröhlicher und stets guter Kamerad.

Seine handwerkliche Ausbildung, sein Ingenieurstudium, sein Sinn für das technische Detail trugen viel dazu bei, daß er an Bord auch als Fachmann respektiert wurde. Der internationale Hochseesport erhielt von ihm wichtige Anregungen. Daß er allem, was zum Thema „Sicherheit auf See“ gehört, besondere Aufmerksamkeit widmete, charakterisierte ihn als Seemann. Denn daß man „auf Nummer Sicher geht“ und im Wagnis das Risiko so gering wie möglich hält, genau das ist die seemännische Kardinalstugend.

Er hat seine Jachten „Germania V“ (die er dann dem Hochseesportverband schenkte) und „Germania VI“ (die 1964 in Dienst gestellt wurde) insgesamt dreimal in Bermuda-Rennen, zweimal in Wettfahrten von Buenos Aires nach Rio de Janeiro und zweimal, 1960 und 1966, in Transatlantik-Regatten starten lassen. Dabei erwies er sich als erfolgreicher Sportdiplomat. Man darf behaupten, daß er, ähnlich wie sein Generalbevollmächtigter Berthold Beitz in den Ostblockstaaten, in Amerika einiges Eis der Deutschfeindlichkeit oder doch der Skepsis gegenüber den Deutschen und seiner Firma gebrochen hat.

Im nächsten Sommer, am 3. Juli 1968, wird ein Ozeanrennen gestartet, daß zum ersten Male seit 1936 wieder die Deutschen ausgeschrieben haben. Aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens des Norddeutschen Regattavereins in Hamburg segelt man um den Preis des Bundespräsidenten. Ohne Alfried Krupp von Bohlen und Halbach hätte das Rennen gewiß nicht die rege Anteilnahme vor allem der Amerikaner gefunden; bislang liegen etwa vierzig Meldungen vor. Ob die „Germania VI“ wieder mitsegelt, sollte eigentlich keine Frage sein. Die Testamentsvollstrecker (Berthold Beitz ist dem Segelsport als Vorsitzender des Olympia-Segelausschusses für 1972 eng verbunden) werden der „Germania VI“ wohl kaum den Wind aus den Segeln nehmen. Es ist zu hoffen, daß die Rennflagge mit dem roten Greif auch im nächsten Jahr wieder gehißt wird, in memoriam Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dem der deutsche und der internationale Segelsport mehr zu verdanken hat, als man in Mark und Dollar auf wiegen kann.