Unser Kritiker sah:

RIENZI

Oper von Richard Wagner Münchner Festspiele, Nationaltheater

Die Münchner Opernfestspiele sind seit dem vorigen Sommer um eine des Wetters wegen riskante, aber populäre Einrichtung erweitert worden. Damals wurde Verdis „Simone Boccanegra“ im Apothekenhof der Residenz mit einer so glänzenden Equipe italienischer Sänger aufgeführt, daß weder ein praller Regenguß noch die Vergröberungen des Spiels unter freiem Himmel das Fest der Stimmen trüben konnte. Diesmal war für den geräumigen Apothekenhof „Rienzi, der letzte der Tribunen“ disponiert worden. Doch justament zwei Stunden vor Premierenbeginn setzte ein hartnäckiger Nieselregen ein. Und was sich jede Freilichtbühne wünscht, einen Ausweichraum wie das Nationaltheater zu besitzen, erwies sich hier als Enttäuschung, verhalf schließlich aber auch zu einer kritischen Erkenntnis.

Johannes Dreher hatte zwei unterschiedliche Bühnenbildentwürfe aufbauen lassen. Die wider Willen zu Premierenehren gelangte Zweitfassung für den Innenraum war mehr als nur Ersatz. Der Hauptleidtragende jedoch dürfte der Regisseur Heinz Arnold gewesen sein. Seine Inszenierung im Freien sollte Große Oper mit dekorativ arrangierten Chormassen zeigen (500 Mitwirkende, sechs Pferde); eingepackt in den Guckkasten des Nationaltheaters, wurde (obwohl die Pferde in den Stall geschickt worden waren) eine Opernparodie daraus.

Es war unter den obwaltenden Umständen auch nicht möglich, sich nur an die einheimischen Gesangssolisten und das Orchester zu halten. Die Sänger sind zwar mit Arien, Rezitativen und Ensemblesätzen am Drama der Oper beteiligt; doch ohne szenisch-dramaturgisch ausgewogenen Zusammenklang ihrer musikalisch hochstilisierten Affekte mit den dramatischen Objekten, dem Chorvolk der Römer, verrutschen die Formproportionen der Großen Oper zum Arienbündel.

Trotzdem ließ sich aus dem Negativbild der Münchner Aufführung erkennen, daß „Rienzi“ weniger denn je nur als „Jugendsünde“ des Meisters von Bayreuth zu gelten hat. Mochten sich die Münchner Philharmoniker als zweites Festspielorchester und ihr ehemaliger Chefdirigent Fritz Rieger ebenfalls auf Freiluft-Akustik eingerichtet haben und nun auf Anhieb nicht immer die notwendige Präzision erreichen: Die „Rienzi“-Musik des bei der sensationellen Uraufführung in Dresden knapp dreißigjährigen Richard Wagner elektrisiert noch heute vom ersten Trompetenton der Ouvertüre an und fasziniert über Banalitäten der Werkgattung hinweg bis zum berühmten „Gebet“ im Schlußakt.