Von Wolfgang Leonhard

Die sowjetische Jubiläumsfeier zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917 soll offenbar zum größten Staatsjubiläum der modernen Zeit werden. Die Sowjetführung scheint das Ziel zu haben, mit diesem Jubiläum alles bisher Dagewesene zu übertreffen.

Die Schwerpunkte der Feierlichkeiten hat das Zentralkomitee schon Anfang des Jahres festgelegt. In allen Betrieben, Baustellen, Sowjetgütern und Kolchosen soll ein riesiger Jubiläums-Wettbewerb stattfinden, auf dessen Sieger „Ehrenbanner“ oder„Unionsprämien“ warten. Dörfer und Städte werden verschönert, an Straßen und Plätzen Bäume gepflanzt, Rasen und Parks angelegt; die Denkmäler und Grabstätten der Revolutionäre von 1917 und der Helden der Sowjetunion werden besonders gepflegt. Der Nachdruck aber liegt auf einer gewaltigen ideologischen Kampagne.

Seit Jahresbeginn erscheinen jede Woche durchschnittlich zwanzig Bücher und Broschüren, die dem 50jährigen Bestehen der Sowjetmacht gewidmet sind. Auch eine Vielzahl von Filmen, Theaterstücken und Opern werden zu diesem Ereignis vorbereitet. Für die Novembertage sind Jubiläumstagungen und Konferenzen, historische und künstlerische Ausstellungen, ideologische Tagungen, Treffen mit Veteranen der Revolution und des Bürgerkrieges, organisierte Besuche der Gedenkstätten der Revolution und „Spartakiaden“ – Sportwettkämpfe – vorgesehen. In allen Betrieben, Kolchosen, Sowjetgütern, in allen Städten und Dörfern sollen Jubiläumsversammlungen stattfinden. Es soll keinen einzigen Sowjetbürger geben, der von dem bevorstehenden Jubiläum nicht „erfaßt“ würde.

Doch nicht nur das Ausmaß des Staatsjubiläums, sondern vor allem die ideologische Tendenz lassen die bevorstehenden Jubiläumsfeiern politisch bedeutungsvoll erscheinen. Auf seiner Plenartagung Ende Juni hat das Zentralkomitee dafür die „politische Linie“ gegeben. ZK-Thesen „50 Jahre Große Sozialistische Oktoberrevolution“, die etwa 50 Buchseiten umfassen, sind in fast allen Zeitungen und Zeitschriften der Sowjetunion veröffentlicht worden.

Wer indessen angenommen hätte, fünfzig Jahre nach der Revolution sei es an der Zeit für eine wahrheitsgetreue Darstellung der sowjetischen Entwicklung, für ein abgewogenes Bild der Erfolge und Mißerfolge, der großen Leistungen und des grauenhaften Terrors, der wird von dem jüngsten sowjetischen Parteidokument grenzenlos enttäuscht sein. Von den unter Chruschtschow begonnenen Ansätzen zu einer sachlicheren, wahrheitsgetreuen Betrachtung der sowjetischen Geschichte, besonders der Stalin-Ära, ist jetzt nichts mehr zu spüren. Große Teile dieses Dokuments lesen sich so, als ob Stalin von seinem Grab aus die Feder geführt hätte.

Gewiß: Lenin steht im Mittelpunkt, er wird immer wieder genannt und verherrlicht, aber seine engsten Mitkämpfer existieren für das sowjetische Zentralkomitee nicht – weder Trotzki, den Lenin einst den „fähigsten Kopf im Zentralkomitee“ nannte, noch Bucharin, der für Lenin „der größte Theoretiker“ und „der Liebling der ganzen Partei“ war.