Von Otto Schlecht

Der erstaunte Zeitgenosse bemerkt verwirrt, wie sehr die Diagnose berufener und unberufener „Konjunkturmediziner“ über den Patienten „Konjunktur“ und noch mehr über Art und Dosierung der therapeutischen Maßnahmen auseinandergeht.

Von der einen Seite wird der amtlichen Wirtschaftspolitik vorgeworfen, sie verbreite bewußt Krisenhysterie und Zweckpessimismus, um mit einem inflationistischen deficit spending ein überzogenes Konjunkturprogramm durchzubringen. Die derzeitige Entwicklung sei, so ist aus dieser Ecke zu hören, eine wohltuende Reinigungskrise oder ein notwendiges Gesundschrumpfen der Wirtschaft. Nun sollte erst einmal – Hände im Schoß – der Anschluß der sogenannten autonomen Kräfte der Wirtschaft an die Wirkungen der bisherigen Maßnahmen abgewartet oder auf die selbstheilenden Kräfte vertraut werden. Es sind interessanterweise zum Teil die gleichen Kritiker, die schon beim ersten Investitionshaushalt vor einer schnellen und vollen Verwirklichung gewarnt haben, inzwischen aber kleinlaut zugeben müssen, daß zumindest diese Maßnahmen notwendig waren.

Von der anderen Seite wird auch das zweite Konjunkturprogramm und die damit verbundene öffentliche Verschuldung noch als zu kleinkariert apostrophiert. Außer einem wesentlich höheren Ausmaß an zusätzlichen öffentlichen Investitionen werden kräftige Steuersenkungen zur Mobilisierung eines höheren Konsums empfohlen. Professor Müller-Armack hat in dieser Zeitung – falls nicht in ganz anderen Größenordnungen deficit spending betrieben werde – sogar das Gespenst der großen Krise 1929 bis 1933 an die Wand gemalt.

Man muß zugeben, daß die Lage und die weiteren Aussichten der Konjunktur zur Zeit tatsächlich nicht leicht zu beurteilen sind. Das beweisen auch die unterschiedlichen Diagnosen und Empfehlungen der Konjunkturforschungsinstitute. In München wird vom Ifo-Institut schon wieder ein Silberstreifen am Konjunkturhimmel gesehen, während dieser Himmel für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin noch mit schwarzen Wolken verhangen ist. Während deshalb das eine Institut zwar ein zweites Konjunkturprogramm der Bundesregierung begrüßt, aber bei seiner Verwirklichung zur Behutsamkeit rät, hält das andere die vorgesehene Verstärkung der öffentlichen Investitionen allein für nicht mehr ausreichend und fordert die Mobilisierung zusätzlicher privater Verbrauchsabgaben über kräftige Steuersenkungen.

„Maß und Mitte“

Wer bei diesen divergierenden Ansichten Diagnose und Therapie der amtlichen Konjunkturpolitik unvoreingenommen beurteilt, wird schwerlich – wie manche Kritiker – von einer Konjunkturpsychose der amtlichen Wirtschaftspolitik sprechen können. Das Prädikat „Maß und Mitte“ wäre zutreffend. Oder meint der Vorwurf einer Konjunkturpsychose etwa nur, daß noch nie mit solcher Aufmerksamkeit die Entwicklung der entscheidenden wirtschaftlichen Größen verfolgt und ständig die notwendige Therapie überlegt wurde, wie in den letzten Monaten? Dies allerdings ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der verantwortlichen wirtschaftspolitischen Stellen.