Von Hans Gresmann

Titos Besuch in Kairo mag entscheidend dazu beitragen, der Stimme der Vernunft in der arabischen Welt nachdrücklich – das Wort sei wiederholt: nachdrücklich – Gehör zu verschaffen. Der Anrainer-Kommunist Tito, der als ein guter Freund Nassers gilt, hat im vorigen Monat beim östlichen Gipfeltreffen in Budapest aus dem Munde Kossygins und Breschnjews des Kremls Einstellung aus erster Hand erfahren. Und er hat, darauf deuten alle Informationen hin, auch erfahren, daß sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in einem geheimen – oder wäre es präziser zu sagen: in einem stillschweigenden – Übereinkommen darauf festgelegt haben, um jeden Preis ein kriegerisches Aufflammen des Konflikts zwischen Israel und der arabischen Welt zu verhindern.

Was Tito seinem Freund Nasser zu berichten weiß, hat zuvor die Prawda schon unverhohlen kundgetan, als sie den „Trend eines chauvinistischen Nationalismus“ in der arabischen Welt brandmarkte. Gewisse arabische Führer, die jedoch – so fügt die Prawda hinzu – ohne Verbindung zu den arabischen Regierungen seien, hätten mit ihren „schlecht überlegten Reden“ der arabischen Welt keinen geringen Schaden zugefügt.

Jenes Wort aus Moskau war eine kalte Dusche für Kairo und Co. Zwar wäre diese politische Sommer-Abkühlung zu spät gekommen, wenn nicht schon vor der arabischen Außenministerkonferenz in Khartum der Kreml gegenüber seinen erfolglosen arabischen Freunden tiefen Unwillen bekundet hätte.

Die Konferenz in der sudanesischen Hauptstadt sollte nichts Geringeres bewirken als eine arabische Bestandsaufnahme nach dem verlorenen Krieg. Da waren die Fanatiker und sogenannten Progressiven, allen voran der Führer der Palästina-Befreiungsfront, Schukeiri, der als Repressalie gegen die Bundesrepublik, die angeblich einseitig Israel unterstützt habe, vorschlug, alle arabischen Staaten sollten unverzüglich die DDR anerkennen, und der angesichts der Toten, der Verstümmelten und der Vertriebenen, die das Opfer nicht zuletzt seiner blindwütigen Haßkampagnen wurden, dreist genug war zu erklären, nur durch Krieg lasse sich die israelische Aggression beseitigen.

Der Kriegstreiber Schukeiri fand radikale Lautverstärkung in Algerien und in Syrien. Ägypten gab sich bemerkenswert moderat. Und Länder wie Saudiarabien, Tunesien, der Libanon, Marokko und Libyen haben, so scheint es, genug vom hektischen Radikalismus ihrer arabischen Brüder. Vom jordanischen König Hussein (von dem auf Seite 2 die Rede ist), weiß man schließlich längst, daß er, dessen Land so schwere Territorialverluste erlitten hat, daran denkt, durch Verhandlungen zum Teil wiederzugewinnen, was ihm kein arabischer „Befreiungskrieg“ zurückgeben kann.

Bei der Außenministerkonferenz in Khartum, die einen arabischen „Gipfel“ vorbereiten sollte, wurde deutlich, daß die von den Folgen des unseligen Krieges gebeutelten arabischen Staaten es leid sind, weiter auf Kollisionskurs zu fahren. So trat bei den Verhandlungen ein solides Maß an Realismus zutage. Alle Repressalien, welche die Radikalen vorgeschlagen hatten, wurden entweder gar nicht diskutiert oder sie wurden verworfen.