Das Buch, aus dem hier einige Abschnitte im voraus abgedruckt werden, heißt: „Wer zweimal in die Tüte bläst“; Untertitel: „Ballade vom Einsitzen“. Josef Müller-Marein hat’s geschrieben; Paul Flora hat dazu gezeichnet. Es erscheint in den ersten Septembertagen im Christian Wegner Verlag, Hamburg.

Es ist also Abend. Einsamkeit. Nur von ferne noch hört man das Geräusch eines wegrollenden Eimers wie das eines abziehenden Gewitters. Draußen, vor der Tür, der brave Wärter rüstet sich für den Heimweg. Feierabend. So saß ich denn allein in meiner Zelle 66 ein. Ich hatte nichts gegen die Zelle 66. Ich dachte: „Wenn sie dich hier lassen, will ich mich schon zurechtfinden und ganz zufrieden sein!“ Ich ging zu Bett. Und da lag ich.

Mich fror, und ich wußte nicht, wie spät es war. Die trübe Lampe an der Decke brannte. Ich beguckte die Wände. Ich war ein Mensch in Zement. Wenn die Wände zusammenrücken würden in der kommenden Nacht, so würde ich ein Abdruck im grauen Gestein werden, wie wir das aus den Botanikbüchern kennen. Der Botaniker hat einen Felsen gefunden und ein paar Rillen darin wahrgenommen. Das ist nicht Farnkraut, das bist du; ein paar Linien, hübsch symmetrisch, das ist der Nachdruck deines Lebens.

Obwohl ich mich allmählich im Bett erwärmte, weil ich außer den Wolldecken noch meinen dicken Wintermantel aufgepackt hatte, wehrte ich mich gegen nächtliche Gedanken.

Und dann schlug sie doch, die Stunde meiner inneren Einkehr.

Ich dachte: Es soll also sein! Und wenn ich nun schon wegen solchem Quatsch im Gefängnis schmachte, will ich darüber nachdenken. Ich hätte vermutlich andere Sachen zu verantworten als diese: schwerere, ernstere Sachen. Aber ich lag hier nicht wegen meiner allgemeinen, sondern meiner kraftfahrlichen Sünden. Diese schienen mir jedoch so gering zu sein, daß sie zu einer handfesten inneren Einkehr nicht ausreichten. Wäre ich ein Heiliger, so würde ich versucht haben, die Bußen für meine läßlichen Sünden im Verkehr als willkommene Strafe für all mein menschliches Versagen von Jugend auf hinzunehmen und zu sagen: Ja, es ist gerecht. Aber ich fühlte, daß ich zu weltlich gesonnen sei. Der Beichtstuhl – ja, doch nicht das Gefängnis ist die Instanz. Aber sei es drum.

In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden.