FÜR alle, die fest davon überzeugt sind, Familienroman und Dichtung, Unterhaltung und Kunst brauchten einander nicht auszuschließen –

John Stewart Carter: „Fünf Faden tief“ (Originaltitel: „Full Fathom Five“), Roman, aus dem Amerikanischen von Susanna Rademacher; Rowohlt Verlag, Reinbek; 243 S., 18,50 DM.

ES ENTHÄLT die Porträtgalerie einer Familie aus Chicagos Society, enthält die Lehre: „Man sollte es reiche Leute nie, nie fühlen lassen, daß sie reicher sind als man selbst. Es ist furchtbar beschämend für sie.“ Amerikanischer Wohlstand mit Stil, Tafelfreuden und Connaisseurs, die ihren Henry James und Marcel Proust zu zitieren wissen; Reisegenüsse in Locarno, Venedig, Mexiko, Paris ohne Baedeker – als hätte sie F. Scott Fitzgerald beschrieben. Die Liebe wird als Delikatesse gereicht; welkender Lorbeer und faulende Oliven dann zum Dessert. Das wiederholt sich in drei Generationen. Die Liebenden danken vorm Tod ab, dem „ehrenhaften Gegner“, das großelterliche Haus (elf Schlafzimmer, zwölf Dienstboten) wird für einen Dollar im Monat an die Marine vermietet, und des Erzählers Zickzackwege durch Erinnerung und Traum enden in der Einsicht, „daß Vater von Söhnen sein das lebenslange Geschäft des Mannes ist...“

ES GEFÄLLT das Einbeziehen des Lesers in den Erzählvorgang; die Ironie eines Lyrikers, der mit wenigen Strichen große Szenen entwerfen, der zwischen den Zeilen sprechen kann und der eine Prosa schreibt, die sich manchmal sogar skandieren läßt. Ein großer, ein unterhaltender Roman, der mehr Welt enthält, als die literarischen Maschinisten unserer Unterhaltungsindustrie in einem Jahr produzieren können. John Stewart Carter, der Virginia Woolfs geistige Überzeugungskraft besaß, ist 1965 in Chicago gestorben. Helmut M. Braem