Von Hansjakob Stehle

Verändern müsse man die Welt statt sie nur 21 interpretieren, sagte Karl Marx. Wenn man sie aber falsch auslegt, läßt sich die Welt dann noch richtig verändern? Wenn sich herausstellt, daß die Verhältnisse nicht so sind, wie es im hausgemachten Lehrbuch des Marxismus-Leninismus steht, und man dann plötzlich zwei Herren dienen muß: einer Ideologie, die gebietet, Revolutionen und „nationale Befreiungskriege“ zu unterstützen, und einer Staatsräson, die verlangt, daß man jeder gewaltsamen Änderung des Status quo zu widerstreben hat – also zum Beispiel einer Expansion Israels ebenso wie einer Existenzbedrohung Israels?

Auf schmerzliche Weise ist die kommunistische Bewegung durch den Nahost-Konflikt mit diesen Fragen konfrontiert worden. Auf dem Wege, der die Sowjetunion und ihre Verbündeten in den letzten zwei Monaten vom militanten Schrei der Moskauer Nahost-Erklärung des 9. Juni zum eher stillen Wirken für einen vernünftigen Kompromiß führte – auf diesem dornigen Weg blieben nicht nur Prestige und Taktik auf der Strecke. Die kommunistischen Parteien des Ostens und des Westens sind in einen Zwiespalt der Gefühle gestürzt worden; das Denken in vorgefaßten Meinungen wurde erschüttert, und dort, wo sie regieren, bebte untergründig sogar das Gefüge ihrer Macht.

„Versucht man nicht, die Dinge zu simplifizieren, wenn man den israelisch-arabischen Konflikt als einen Kampf zwischen Imperialismus und Anti-Imperialismus beurteilt?“ schrieb der israelische Kommunist Minerbo in einem kritischen Brief an das italienische KP-Organ „Rinascita“ am 21. Juli und erinnerte daran, daß noch vor kurzem der Vertreter der irakischen KP beim SED-Kongreß in Ostberlin den Bagdader Staatschef Aref „einen Despoten und seine Politik ein faschistisches und blutiges System“ genannt hatte. „Dient der Irak vielleicht nicht den imperialistischen Ölgesellschaften? Ist Hussein vielleicht kein Diener der amerikanisch-britischen Interessen? Ist anti-imperialistisch, wer – wie Radio Kairo und Damaskus – bei jeder Gelegenheit erklärte, die Juden Palästinas müßten ins Meer geworfen werden? Oder Achmed Schukeiry mit seiner palästinensischen Befreiungsarmee, der den Israelis in der kommunistischen ‚Morning Post‘ prophezeite: Keiner wird am Leben bleiben...?“

An solchen Fragen hat sich die israelische KP – groteskerweise die einzige im Nahen Osten, die legal wirken kann – seit langem gerieben. Heute ist sie in zwei Fraktionen gespalten, in eine national-israelische unter Mikunis und in eine araberfreundlich-prosowjetische unter Wilner. Es ist eine Spaltung, die heute in der Nahost-Frage meist unsichtbar durch fast alle kommunistischen Parteien geht. Beide Gruppen der KP Israels haben den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den osteuropäischen Ländern und Israel bedauert – nicht zuletzt der fatalen Unlogik wegen, die es Moskau erlaubt, diplomatische Beziehungen zu Amerika zu pflegen, obschon dessen Bomber unentwegt das Bruderland Nordvietnam bombardieren. Zweierlei Maß?

Es gibt Anzeichen, daß die israelischen Kommunisten, sogar die der Wilner-Gruppe zur Mäßigung der sowjetischen Haltung beigetragen haben. Der israelische KP-Abgeordnete Tcubi, Mitglied des Politbüros jener Fraktion, erklärte nach seiner Moskau-Reise am 9. August dem Wiener KP-Organ „Volksstimme“: Eine friedliche Regelung im Nahen Osten müsse die Rechte der Araber respektieren, „aber auch zur Anerkennung Israels und seiner Schiffahrtsrechte durch die arabischen Staaten führen“; die israelische KP verurteile „chauvinistische Erklärungen gewisser arabischer Kreise und Aufrufe zu Gewaltlösungen“.