Von Peter Stähle

Washington, im August

Zwischen den Chippendale- und Mahagonimöbeln des Benjamin-Franklin-Speisezimmers im State Department zu Washington wurde zum erstenmal öffentlich über Politik gesprochen. Vor den Ölgemälden und Büsten früherer amerikanischer Präsidenten flüsterte der deutsche Presse-Staatssekretär von Hase den Journalisten beim Cocktail zu, der Abrüstungsbeauftragte der Bundesrepublik, Sonderbotschafter Swidbert Schnippenkötter, sei überraschend nach Washington gerufen worden. Aus gleichem Anlaß erzählte Hases amerikanischer Kollege George Christian, der Sprecher des Weißen Hauses, daß William C. Foster, der Atomsperrvertrags-Beauftragte der USA in Genf, vor drei Tagen wieder in die Schweiz abgeflogen sei.

Maliziöse Fragen deutscher Korrespondenten, ob es nicht ein Akt der Höflichkeit und klugen Taktik gewesen wäre, hätte man Foster während des Besuches des Bundeskanzlers in Washington behalten, wehrten die beiden Pressechefs energisch ab. Immerhin stand sechzehn Stunden nach der Ankunft des deutschen Kanzlers fest, daß der bevorstehende Nonproliferationshandel der USA und der Sowjetunion Hauptgegenstand der Gespräche sein würde. Staatssekretär von Hase hoffte: „Wir nehmen an, daß der Bundeskanzler den geplanten gemeinsamen Entwurf lesen darf.“

Es war vorauszusehen, daß Lyndon B. Johnson den Gast aus Deutschland sich damit gewogen machen und daß er zugleich verdecken würde, was Kurt Georg Kiesinger beim Eintreffen in Washington noch nicht wußte: daß der Popularitäts-Index des amerikanischen Präsidenten soeben rapid von 67prozentiger auf 40prozentige Zustimmung gesunken war (die Gründe: allgemeine Steuererhöhung, mehr Truppen für Vietnam) und daß sich nach den jüngsten Berichten der CIA (Central Intelligence Services) ein Ende der Mao-Dynastie abzeichne. Das könnte ein Nachlassen im Verlangen Moskaus nach gutem Einvernehmen mit den USA bedeuten, da doch der unangenehme Nackendruck aus Rotchina zu solchem Verständigungswunsch beigetragen hatte.

Als der Bundeskanzler auf New Yorks Kennedy Airport aus der Boeing 707 „Nürnberg“ der Lufthansa kletterte, plagten ihn allerdings noch ganz andere Sorgen als das Bundeswehr-Konzept und der Atomsperrvertrag. Er hatte ganz einfach Schmerzen, weil er sich in Bonn rasch noch von Professor Sauerwein an einem Weisheitszahn hatte behandeln lassen müssen. In der Luft und auf amerikanischem Boden war die Pein unerträglich geworden. Eine Stunde nach der Ankunft in Washington wurde ihm dann der Zahn gezogen, nachdem Kiesinger seine Tochter Viola und den Schwiegersohn Volkmar Wentzel, die den Vater auf Andrews Air Base in Washington erwarteten, noch mit gequältem Lächeln begrüßt hatte. Dann hatte er auf der Treppe des Blair-House, schräg gegenüber dem Weißen Haus neben martialischen Marine-Infanteristen das geliebte „Fröschle“, das zweijährige Enkelkind, entdeckt. Her mit der uhrwerkgetriebenen Puppe, die laufen kann; das Geschenk der Großeltern aus Tübingen.

Die offizielle und die inoffizielle Delegation waren in angeblich „schwäbischer Sparsamkeit“ mit einer Linienmaschine im achtstündigen Nonstopflug von Köln nach New York gekommen. Es heißt, die Lufthansa habe in dieser Hauptreisezeit ein Sondergefährt für den Regierungschef nicht zur Verfügung stellen können. Im Gegensatz zu anderen Flugzeugen, die wegen schlechter und turbulenter Witterung zunächst nicht landen durften, war es der Kanzlermaschine erlaubt worden, sofort auf Kennedy-Airport niederzugehen. Wie war der Flug? – Nun, Frau Marie-Luise Kiesinger hatte die letzte boenreiche Stunde nur mit Mühe überstanden. Ihr Gatte mit seinem mannhaft ertragenen Zahnweh hatte von dem Senator-Service der ersten Lufthansa-Klasse nur spärlich Gebrauch gemacht und harte Speisen ebenso verschmäht wie den Sekt. Dann lieber ein Glas Bier, das der Steward frisch aus einem herangerollten Fäßchen zapfte.