Rebellion im Kongo, Bürgerkrieg in Nigeria – seit Jahren ist die Welt an ähnliche Meldungen gewöhnt, kaum jemand nimmt sie noch ernst. Nur wenige sehen darin eine Gefahr. Doch was derzeit in Afrika geschieht, droht die Grenzen der üblichen lokalen Konflikte zu überschreiten; denn die Zusammenstöße im Kongo und in Nigeria gefährden die Ordnung des Schwarzen Kontinents (Berichte auf Seite 5).

Es sind die beiden wichtigsten afrikanischen Staaten, in denen derzeit gekämpft wird. Nigeria mit seinen 56 Millionen Einwohnern ist das volkreichste Land des Erdteils; der Kongo könnte der reichste, der führende Industriestaat Schwarzafrikas sein, wenn er zur inneren Ordnung fände.

Zum anderen handelt es sich politisch um das afrikanische Zentralproblem: In Nigeria wie im Kongo will sich die jeweils reichste Provinz des Landes, die den Rest des Staates bisher weitgehend finanzierte, aus dem Staatsverband lösen und selbständig werden. Das ist zwar in den letzten Jahren schon häufig versucht worden, aber selten mit so großer Aussicht auf Erfolg. Und wenn heute die Ibos in Biafra oder die Söldner in Katanga Erfolg haben, dann stehen nicht nur der Kongo und Nigeria politisch vor dem Chaos und wirtschaftlich vor dem Bankrott, dann müssen fast alle afrikanischen Staaten mit Aufständen rechnen.

Bisher hat Schwarzafrika an seinen Staatsgrenzen festgehalten, obwohl diese Staaten nicht natürlich gewachsen sind, sondern von den Kolonialmächten willkürlich geschaffen wurden. Die Versuche einzelner Stammesgruppen oder Provinzen, sich aus ihnen zu lösen, wurden von den Nachbarregierungen fast niemals unterstützt, sondern notfalls sogar mit auswärtiger Hilfe gewaltsam unterdrückt.

So geschah es im Kongo, als Moise Tschombé versuchte, die reiche Kupferprovinz Katanga selbständig zu machen. Damals bestand der Verdacht, daß Belgien und die Union Minière dieses Experiment unterstützten. Das veranlaßte die Vereinten Nationen, einzugreifen und die Einheit des Staates zu bewahren.

In Nigeria besteht heute ein solcher Verdacht nicht. Großbritannien, die ehemalige Kolonialmacht, hielt sich strikt aus den Händeln heraus, erlaubt jetzt jedoch den Export von Waffen nach Lagos. Die Ibo-Regierung in Enugu muß ihre Waffen von zwielichtigen Händlern erwerben, weil ihr niemand welche verkauft. Biafras Abfall ist somit ein interner Konflikt zwischen der nigerianischen Zentralregierung und einer ihrer Provinzen, ein Konflikt, in den die UN nicht eingreifen kann. Das bedeutet: Für den Brand in Nigeria gibt es keine Feuerwehr.

Nun mag man über die militärische Schlagkraft der Vereinten Nationen streiten. Unbestreitbar aber ist ihre moralische Autorität, zum mindesten in Afrika. Daß die Vereinten Nationen damals gegen das abgefallene Katanga kämpften, hat entscheidend dazu beigetragen, daß der von Tschombé proklamierte unabhängige Katangastaat von niemandem respektiert wurde; und das half dem Kongo.