Auf einem Barhocker in Bukavus größtem Hotel thront Jean Schramme und gibt Erklärungen zur Lage ab: „Es ist an Mobutu, mit mir Kontakt aufzunehmen. Er hat zehn Tage Zeit zu antworten. Läßt er diese Frist ungenutzt verstreichen, so werde ich meine Konsequenzen ziehen. Ich könnte dann ohne weiteres eine Offensive gegen Kinshasa starten.“

Jean Schramme, 36 Jahre alt, mit den Achselstücken eines Majors auf seinem Buschhemd, ist der unbestrittene Chef eines kriegerischen Haufens, der dem Präsidenten des Kongo, General Mobutu, den Kampf angesagt hat. 150 weiße Söldner, Abenteurer, professionelle Krieger, im Verein mit 800 Gendarmen aus Katanga bieten einer Streitmacht von 38 000 Mann der offiziellen kongolesischen Nationalarmee Paroli. Bislang war das Kriegsglück auf Seiten des Majors. Vor rund vier Wochen meuterte er mit seiner Truppe in Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, und widersetzte sich den Befehlen seines Arbeitgebers Mobutu. In einem 1000-Kilometer-Marsch zog er, mit rund hundert Belgiern, Frauen und Kinder im Troß, in Richtung Süden nach Bukavu. Die mit amerikanischen Transportmaschinen herangeflogenen Soldaten aus der Hauptstadt konnten ihm nichts anhaben. „Seit wir Kisangani am 12. Juli verlassen haben, haben wir mehr als tausend Mobutu-Soldaten geschlagen und getötet.“ Ohne Widerstand zogen Schrammes Söldner in Bukavu ein. Die 300-Mann-Besatzung floh Hals über Kopf ins benachbarte Ruanda.

Wieder einmal versuchen weiße Söldner im Kongo, das Blatt der Geschichte zu wenden. Das Abenteuer der Kongo-Söldner begann mit dem Tage der Unabhängigkeit, als Moise Tschombé, Chef der reichen Katanga-Provinz, europäische Legionäre ins Land holte. Als die UN-Blauhelme der Sezession von Katanga ein Ende bereiteten, zogen seine Leute nach Angola, wo die Portugiesen ihnen Heimstatt boten. Als Tschombé wieder Regierungschef wurde, diesmal im ganzen Kongo, holte sein oberster Militär, Mobutu, welcher der rebellischen Stämme im Osten und Norden des Landes allein nicht Herr werden konnte, die Söldner zurück. Zeitweise lebten 600 Söldner im Kongo. Als die „weißen Riesen“ waren sie im ganzen Land gefürchtet. Sie kämpften und plünderten, ihre Greueltaten standen denen der einheimischen Soldaten in nichts nach. Zu dieser Truppe gehörte auch Jean Schramme. Er blieb auch im Solde Mobutus, als dieser seine Fallschirmjäger putschen ließ, Tschombé ins Exil schickte und sich selber zum Herrn des größten und reichsten Landes in Afrika machte.

Schramme und seine weißen Landsknechte leisteten ganze Arbeit. Sie entwaffneten die rebellischen Stämme, befreiten Stanleyville von der Schreckensherrschaft der Simbas und waren ihren schwarzen Herren so lange treu, als ihnen ihr Geld – rund 4000 Mark monatlich – regelmäßig ausgezahlt wurde. Vor vier Wochen stockten die Zahlungen; Gerüchte wurden laut, Mobutu wolle sich seiner europäischen Hilfstruppen endgültig entledigen. Jean Schramme kam dem zuvor und rebellierte. Ihn hält auch mehr als nur der bloße Sold im Kongo: Er besitzt größere Plantagen in der Nähe von Bukavu.

Der Aufstand der weißen Söldner ist zudem eng verknüpft mit Moise Tschombés unfreiwilliger Gefangenschaft in Algier. Schramme und sein von ihm eingesetzter „Regierungschef“, Oberst Monga (Tschombés „Generalstabschef im Exil“), fordern die Freilassung des ehemaligen Regierungschefs und wünschen, ihn auf einem Ministersessel in Kinshasa zu sehen. Es wird dies eine rhetorische Forderung bleiben, denn Tschombés politische Rolle scheint für den Augenblick ausgespielt.

Präsident Mobutu hat im letzten Jahr auf der afrikanischen Bühne an Respekt und Einfluß gewonnen. Er hat die Kupferminen der Union Minère in eigene Regie genommen, die Verwaltung zentralisiert, die Verfassung reformiert. Der extreme Flügel seiner Regierung wird durch eine Figur wie den Außenminister Bomboko ausgeglichen, der alle kongolesischen Wirren unbeschadet überdauert hat und das stabile Element in der kongolesischen Politik repräsentiert. Auch die Vereinigten Staaten setzten auf den Kongo-General. Sie schickten ihm große Transportmaschinen zu Hilfe, sie leisten finanzielle Hilfe und „strategischen Beistand“.

Die rund 70 000 Weißen, die im Kongo als Techniker, Lehrer und Verwaltungsbeamte arbeiten, fühlen sich bislang unter Mobutus Herrschaft sicher. Jetzt allerdings spüren sie die Empörung ihrer schwarzen Gastgeber. In Kinshasa stürmte eine aufgebrachte und aufgeputschte Menge die belgische Botschaft, um Rache zu nehmen für die Besetzung Bukavus durch den Söldner-Major.

Dabei scheint dieser Aufstand der 150 weißen Söldner ein letztes Aufbegehren zu sein. Es geht ihnen nicht mehr um Katanga oder Tschombe, um Lumumba oder die rebellierenden Simbas. Sie wollen nur noch ihr eigenes Süppchen kochen und schnell noch einmal ihre eigenen Interessen wahrnehmen; Gelder kassieren, bis sie sich endgültig in den Ruhestand und ins Ausland zurückziehen. Bis dahin allerdings bedeutet der 150 Mann starke schwerbewaffnete Haufen eine Gefahr, der dem Kongo abermals zu einem Krisenherd machen kann, in dem Terror und Mord regieren. Haug von Kuenheim