Der Krieg zwischen Nigeria und der ehemaligen Ostregion, die sich unter Oberstleutnant Ojukwu zur Republik Biafra erklärte, hat eine überraschende Wendung genommen. Die Streitkräfte Ojukwus konnten vorige Woche die Initiative an sich reißen und die Kämpfe erstmals über die Grenzen Biafras hinaustragen. Die benachbarte Mittelwestregion wurde eingenommen und erklärte sich für unabhängig, nachdem sich meuternde Armee-Einheiten der Zentralregierung mit den Biafra-Soldaten verbündet hatten. Die Truppen Ojukwus rückten inzwischen weiter nach Norden über Okene auf Lokoja vor, eine wichtige Nachschubbasis der Zentralregierung, deren Streitkräfte im Norden Biafras massiert sind (siehe Karte).

Stammesbeziehungen hatten die Offensive Biafras begünstigt: Zwar wird die Mittelwestregion vom Stamm der Yorubas majorisiert. Doch siedeln in ihrem östlichen Grenzgebiet und in der Hauptstadt Benin starke Minderheiten des Ibo-Stammes, der auch Biafra bevölkert. Acht von den zwölf in Mittelwestnigeria stationierten höheren Offizieren der Zentralarmee gehören der Gruppe der „Western Ibos“ an, die mit dem Hauptstamm auf dem Ostufer des Niger verwandt ist.

Spätestens seit 1966 leben die vorwiegend christlichen Ibos in tödlicher Feindschaft zu den muslimischen Haussas, die den Norden Nigerias bewohnen und in der Zentralregierung zu Lagos von jeher das Übergewicht besaßen. Im Januar 1966 ermordeten junge Offiziere die aus dem Norden stammenden Staatsmänner Nigerias. Die Haussas töteten neun Monate später 30 000 Ibos, die als Beamte, Anwälte, Händler und gewerbliche Arbeitskräfte im Norden gesiedelt hatten und dort in Schlüsselpositionen aufgestiegen waren.

Alle Bemühungen der Zentralregierung unter Generalmajor Gowon, die Stammesgegensätze auszugleichen, schlugen fehl. Die von den Ibos besiedelte Ostregion machte sich selbständig und etablierte sich unter Oberstleutnant Ojukwu am 30. Mai als Republik Biafra. Seit dem 6. Juli versucht die Zentralregierung, die Sezession mit Waffengewalt rückgängig zu machen. Seither kursiert unter den Ibos in Biafra der Satz: „Wir müssen kämpfen, denn wir haben keine andere Wahl als zu leben oder zu sterben.“ Was von Gowon ursprünglich als begrenzte „Polizeiaktion“ gedacht war, hat sich inzwischen zu einem gnadenlosen Stammeskrieg ausgeweitet.

Auch in der Mittelwestregion wurde der Einmarsch der Truppen Biafras als „Befreiung vom Imperialismus der Haussas“ begrüßt. Zum neuen Gebiets-Befehlshaber avancierte Oberstleutnant Victor Banjo, ein Angehöriger des Yoruba-Stammes. Banjo erklärte die Mittelwestregion zum selbständiger Staat und bekräftigte das Bündnis mit Biafra. Yoruba-Häuptling Awlowo, selbst Mitglied der Zentralregierung, trat dagegen „für die Einheit Nigerias“ eh und forderte seine Stammesgenossen auf, sich um die Zentralregierung zu scharen.

Während sich der Konflikt in Nigeria vorige Woche spürbar verschärfte – Gowon rief zum „totalen Krieg“ auf; über Enugu, der Hauptstadt Biafras, und über Lagos fielen die ersten Bomben – mischten sich fremde Mächte ein. Die Zentralregierung erhielt von der Tschechoslowakei zwei Düsenflugzeuge. London, das bislang strikte Neutralität gewahrt hatte, gab grünes Licht für den „privaten“ Export von „Defensiv-Material“ nach Lagos.