Unser Kritiker sah:

BAAL

Stück von Bertolt Brecht Hamburger Theater im Zimmer

Während der Sommerpause des Abonnementstheiters hat sich in Hamburg ein bemerkenswerter Fall jungen Theaters ereignet. Zwei Twens von heute – der Regisseur Hans Neuenfels (Krefeld) und ein Dramatiker, der auch Schauspieler ist, Martin Sperr („Jagdgeschichten in Niederbayern“, „Landshuter Erzählungen“) – taten sich zusammen, um einen Twen von 1918, Bert Brecht, zu bearbeiten. Vier gedruckte Fassungen des „Baal“ liegen vor. In Hamburg wurce als Textkompilation eine fünfte gespielt.

An des Autors eigenhändigen Veränderungen des frühen Stückes läßt sich die Entwicklung des Dramatikers Brecht eine Strecke (bis 1926) verfolgen. Zum späten, „eigentlichen“ Brecht führt keine Brücke.

Als er zwei Jahre vor seinem Tode den „Baal“ in die Gesammelten Werke aufnahm, warnte der Stückeschreiber vor einer Aufführung. Die jungen Leute von Hamburg aber waren der Ansicht: „Wir folgten dem genialen Zwanzigjährigen (Brecht) mit zwanzigjährigen und setzten dort, wo wir seine zwanzig Jahre nicht mehr begreifen konnten, unsere zwanzig Jahre von 1967 und ihre Ausdrucksform ein. Wir fanden unendlich viel alterslose Jugend.“

In der Neufassung (die Uraufführung hatte 1923 in Leipzig stattgefunden) erwies sich „Baal“ als ein Pandämonium dichterischer Pubertät. Die Lebensstimmung dieses Stücks schließt einen Bogen, der von Schillers „Räubern“ über den Sturm und Drang eines Reinhold Michael Lenz und Goethe bis zu Georg Büchner und Frank Wedekind reicht. Poetische Reminiszenzen deuten auch auf François Villor. und Rimbaud.