Von Klaus Fleischmann

Ein weitgereister Bekannter nannte das 21. Festival d’Avignon ein „Kinderfestival“. Der Anteil junger Leute am Publikum ist hier erstaunlich hoch: Über sechzig Prozent der Zuschauer sind, so schützt man, unter dreißig.

Doch der Ausdruck „Kinderfestival“ bezog sich auch auf die Kritiklosigkeit, mit der hier allem applaudiert wird.

Dieses Festival machte ein neues Publikum für das Theater gewinnen.

Der Reiz des Freilufttheaters verführt auch passionierte Fernseher leicht, zumal wenn sich das Ganze in irgendeiner Form mit dem Urlaub verbinden läßt. Avignons Lage in der berüchtigten N 7, über die jährlich viele Tausende von Franzosen an die Côte rollen, ist besonders günstig. Hinzu kommt, daß ein solcher Theaterabend den Geldbeutel nicht übermäßig belastet, denn die Plätze kosten nur fünf, acht oder zwölf Francs, und selbst die Restaurants sind für französische Verhältnisse billig (sehr in empfehlen ist „La Fourchette“ mit einem ausgezeichneten Menü zu 10 F). Etwa 110 000 – fast 30 000 mehr als 1966 – besuchten die 57 Aufführungen zwischen dem 11. Juli und dem 14. August. Der Tourist als Theaterfan oder der Theaterfan als Tourist – so lautet die Formel dieses Festivals.

Jean Vilar, Schöpfer, Organisator und spiritus rector der Festspiele, sucht nach immer neuen Möglichkeiten. So nahm er nun einen gotischen Kreuzgang, den bisher die Armee besetzt gehalten hatte, als zweite Bühne dazu. Hier wurde Antoine Bourseiller, sei: einem Jahr Leiter des Centre Dramatique du Sud-Est in Aix-en-Provence zum König des Festivals. Der intimere Rahmen des 560 Personen fassenden Cloître des Carmes setzt Schauspieler und Zuschauer in eine unmittebarere Beziehung zueinander als der große Cour d’Honneur des Papstpalastes. Bourseiller entpuppte sich als einer da – Regisseure, die es verstehen, einen dramatischen Text zu Ende zu denken und ihn in Bühnenleben umzusetzen, ohne die Intentionen des Autors zu vergewaltigen. Dies bewies besonders die Uraufführung von „Silence! / L’arbre remue encore“, einem neuen Stück von François Billetdoux. Serge Reggiani gelang es dabei, den Weg des Schreiners Octobre vom Mord als einem unbestimmten, fast gestammelten Aufbegehren zur deutlich formulierten Ablehnung der ihn umgebenden Gesellschaft überzeugend darzustellen.

Vilar begnügte sich nicht damit, einen neuen Spielort zu finden. Hatte früher das Théâtre National Populaire aus Paris mit meist drei Stücken das Programm allein bestritten, so waren im letzten Jahr bereits die Truppen von Roger Planchon und Maurice Béjart an seine Seite getreten. Heuer nahm das T.N.P., dessen Leitung Vilar 1963 Georges Wilson überlassen hatte, erstmals nicht am Festival teil. So lud denn der Fünfundfünfzigjährige fünf Regisseure der nächsten Generation ein: neben dem schon genannten Bourseiller (37 Jahre) Maurice Béjart (40), Jean-Luc Godard (36), Jorge Lavelli (35) und Roger Planchon (36).