In diesen Tagen wird die Bundesrepublik einen Rekord verzeichnen, den außer den Vereinigten Staaten noch kein anderer Staat in der Welt je erreichen konnte: Der Exportüberschuß dürfte im August zum erstenmal die Grenze von 10 Milliarden Mark überschreiten. Für das ganze Jahr 1967 erwarten die Experten einen Außenhandelsüberschuß von etwa 15 Milliarden Mark, fast doppelt so viel wie im vergangenen Jahr.

Was uns erfreut, ist anderen ein Ärgernis: Die Amerikaner, denen der Vietnam-Krieg allmählich auch wirtschaftlich über den Kopf wächst, befürchten für 1967 eine Zunahme des Defizits ihrer Zahlungsbilanz auf 3 Milliarden Dollar (von 1,4 Milliarden Dollar 1966). So verfällt Präsident Johnson auf den bequemen Ausweg, die Deutschen wieder einmal zur Kasse zu bitten. Der Druck auf Bonn, erneut Milliarden für den Devisenausgleich freizumachen, wird auch nach dem Kanzler-Besuch in Washington nicht nachlassen.

Die Engländer werden noch deutlicher. Die Wochenzeitschrift Spectator wirft den „ver-Wochenzeitschrift Deutschen“ vor, sie hätten einen Exportkrieg entfesselt, um die hätten sion auf Kosten ihrer Nachbarn zu überwinden. Der Spectator fordert, britische Truppen nur noch gegen volle Bezahlung in Deutschland zu stationieren.

Natürlich kann man leicht beweisen, daß die Vorwürfe gegen Bonn barer Unsinn sind. Wir haben uns vor Jahren zur Aufwertung der Mark drängen lassen (unsere Devisenreserven sind heute geringer als damals), wir haben jede Stützungsaktion für das Pfund ohne Murren mitfinanziert und für Hunderte von Millionen sinnlose Waffen in den USA eingekauft – von „Wirtschafts-Gaullismus“ kann also wirklich keine Rede sein. Aber Emotionen lassen sich nun einmal nicht dadurch aus der Welt schaffen, daß man Tatsachen aufzählt.

Um nicht als die „häßlichen Deutschen“ zu erscheinen, müssen wir die Konsequenz daraus ziehen, daß es heute keine „nationale Konjunktur“ mehr gibt. Wirtschaftsminister Schiller: „Wir können es uns nicht leisten, die Flaute zu exportieren.“ In der Tat würde die Überwindung der Rezession unseren Partnern helfen: Sie würde von den deutschen Unternehmern den Druck nehmen, um jeden Preis zu exportieren, und gleichzeitig unseren Markt aufnahmefähiger für Importe machen. Es ist deshalb nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch sinnvoll, wenn Schiller und Strauß ihre Politik gegen allzu konservative Kritiker durchhalten – etwa gegen die Sparerschutzgemeinschaft, die bereits eine Reduzierung des zweiten Investitionshaushalts verlangt, nur weil sich die ersten Anzeichen für die erwünschte Konjunkturbesserung zeigen.

Nicht allein Rücksichtnahme, auch Klugheit gebietet heute internationale Kooperation in der Konjunkturpolitik: Krisen bleiben nie auf ein Land beschränkt. Diether Stolze