Eine Erfindung einheimischer Kulturwissenschaftler verdient die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt; eine Erfindung, die den Salzburger Festspielen einen neuen Aufschwung verleihen wird, was niemand mehr für möglich gehalten hatte: Es ist gelungen, die Musik zu pulverisieren und in Tablettenform genießbar zu machen.

Sämtliche Werke Mozarts werden im Mozartlabor, welches dem Mozarteum angegliedert ist, pulverisiert und in kleinen Packungen aufbewahrt. Dieses Lager wird so reichhaltig bemessen, daß allen Krisen, die heute gelegentlich auftreten, wie zum Beispiel künstlerischem Ausverkauf, vorgebeugt ist.

Die Auswirkungen dieser Erfindung, für welche sämtliche Kulturstellen des Landes, allen voran die Hoteliers und Ökonomieräte, große Summen Geldes ausgegeben haben, sind kaum abzuschätzen. Der Sozialtourismus wird durch eine weitere Vereinfachung des Kunst- und Kulturkonsums eine echte Bereicherung erfahren, was um so begrüßenswerter erscheint, da der Gast noch mehr auf seine Rechnung kommen wird.

Der vorläufigen Gebrauchsanweisung zufolge soll jedermann am Domplatz oder auf anderen für den Fremdenverkehr geeigneten Kulturplätzen und -straßen mit Tabletten bedient werden. Bedient von in Heimattracht auftretenden Einheimischen, wodurch das leidige Problem von Dirigenten, Gastorchestern und Interpreten auf ein Minimum – nämlich die Heimattracht – leduziert wird.

Die Mozartpille im Mund verschafft also denselben Genuß wie die Aufführung eines Werkes im Konzertsaal. Allerdings müssen einige Benutzungsvorschriften unbedingt eingehalten werden: So ist es nicht im Sinne Mozarts, die Pillen zu zerbeißen, was die Wiedergabe verstümmeln würde; auch ein vorzeitiges Verschlucken verstößt gegen den Geist unseres Komponisten.

Musik in dieser Form kann überall verschlungen werden, in allen Besuchern wird sie klingen – ein wesentlicher Schritt zur Verinnerlichung des modernen Menschen ist vollzogen. Das allgemeine Lutschen im Gedränge sei kein potentieller Nachteil, stellte der dafür zuständige Präsident fest mit dem Hinweis, daß auch dies Gewohnheitssache sei. Ganz im Gegenteil werde die Festspielidee zeitgemäß potenziert durch die Möglichkeit, besonders gehetzte, aber kunstsinnige Sozialtouristen Mozartsinfonien auf der Salzburger Autobahn im Omnibus lutschen zu lassen.

Spezialwünsche, wie gleichzeitiger Genuß der Violinkonzerte KV 219 und KV 216, werden gegen Sonderzahlung erfüllt. Wünscht ein Gast eine andere Mozartpille zu sich zu nehmen als die im Tagesprogramm vorgesehene, so kann er – sozusagen à la carte – eine bestellen, ebenfalls gegen Aufzahlung, wie es in allen Ländern im Gastgewerbe üblich ist. Dadurch wird der nicht neuen und glücklicherweise bereits so verbreiteten Erkenntnis Rechnung getragen, daß Programme, Dirigenten und so weiter letztlich Geschmacksfragen sind.