Von René Drommert

Man konnte in den letzten Wochen in Moskau auch politische Witze hören. Die Internationalen Filmfestspiele im Kremlj, die fünften, waren am Anfang sehr dürftig gewesen. Die Delegierten, so hieß es, hätten daher die Absicht gehabt, den Preis überhaupt nicht zu vergeben. Sie seien zu dem Entschluß gekommen, die Auszeichnung keinem Film zuzusprechen, sondern, im Hinblick auf die bevorstehenden Feiern zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution, einfach der Sowjetunion: „Aber für das Drehbuch, nicht für die Inszenierung.“

Ich fahre in Moskau mit dem Taxi. Ich habe 63 Kopejken zu zahlen (etwa 2,80 Mark). Ich gebe 70. Und der Taxifahrer nimmt diese sieben Kopejken, die auf seinem Taxameter nicht registriert sind, ohne Dank, aber auch ohne Widerspruch entgegen; er sagt gar nichts. Das ergeht mir jetzt zuweilen so. Das war doch 1965 etwas anders. Damals waren Trinkgelder, Ausdruck einer verpönten Gesellschaftsordnung, schwerer an den Mann zu bringen.

Vor einigen Jahren kam der Handkuß wieder auf, zuerst in Leningrad, das zwar die Wiege der Revolution, zugleich aber auch eine westliche Stadt ist, seiner Lage und seinem Charakter nach. Heute erobert sich der Handkuß Moskau. Alte Umgangsformen sind zählebig, das ist bis in sprachliche Floskeln hinein zu verfolgen. Im Kreml-Palast wurden die ausländischen Delegationen vor den Vorführungen ihrer Filme auf der Bühne stets mit der Wendung bekanntgemacht: „Gestatten Sie, daß ich Ihnen ... vorstelle“ – mit einer Floskel, die selbst im westlichen Europa so konventionell und brüchig ist, daß sie einer Überprüfung bedarf.

In Moskau, der Hochburg des Atheismus, ist heute noch weniger als etwa vor zwei Jahren irgendeine sprachliche Wendung verpönt, die den Begriff Gott enthält, etwa „um Gottes willen“. Da hat längst, ganz wie bei uns, eine Abstumpfung, eine Verharmlosung und Sinnentleerung stattgefunden, so daß ursprüngliche religiöse Vorstellungen längst nicht mehr assoziiert werden.

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