Lagos, im August

Über Nacht hat sich das Bild des nigerianischen Bürgerkrieges gewandelt: Der Vorstoß einer Befreiungsarmee aus der abgespaltenen Republik Biafra nach Mittelwest-Nigeria und in Grenzgebiete der Nord- und Westregion ist politisch bedeutsamer als militärisch. Zwar hat bisher keine einzige Regierung der Welt die Vierzehr-Millionen-Republik des ehrgeizigen Ibo-Volkes anerkannt. Weithin in Afrika wachsen jedoch Unwillen und Besorgnis der Staatsmänner über die Unfähigkeit der nigerianischen Führer, ihre Staatskrise einzudämmen und den Frieden wiederherzustellen.

Auch fremden Regierungen, die bisher uneingeschränkt der Zentralregierung beipflichteten, ist nunmehr klar geworden, daß manche Ansprüche der Ibo berechtigt waren. Sie hoffen darauf, daß Yakubu Gowon, der junge General in Lagos, nicht länger behauptet, in Enugu, der Hauptstadt Biafras, habe nur eine kleine Offiziersclique geputscht. In Wirklichkeit stehen die Ibos entschlossen und fanatisch hinter dem bärtigen, gescheiten Millionärssohn und Oberstleutnant Ojukwu. Die Minderheiten in ihrem Staat verhalten sich loyaler als man in Lagos annahm.

Ojukwu arbeitet beharrlich auf sein Ziel hin, den Abfall Biafras in eine allgemeine Erhebung des nigerianischen Südens gegen den – nach seiner Meinung – feudalistischen, rückständigen und machtlüsternen Norden umzumünzen. Die Entscheidung könnte bei den Yoruba fallen, jenem Elf-Millionen-Volk im Westen Nigerias, das – wie so häufig – noch zögert und zaudert. Chief Awolowo, der gewählte Führer der Yoruba, ist in diesem Konflikt eine Schlüsselfigur. Er befürwortete stets die regionale Selbstverwaltung, wollte aber die Einheit des Landes bewahren. In den letzten Tagen versicherte er der Bundesregierung aufs neue seinen „unwiderruflichen“ Beistand. Wird ihm aber sein Volk, das dem Norden mißtraut, weiter folgen?

Zuviel Unwiderrufliches ist in den letzten Jahren geschehen: Da war der Terror, den politische Freunde des Nordens in Westnigeria seit 1962 ausübten; ihm folgte im Januar 1966 die Erhebung junger Offiziere, der Sturz korrupter Politiker und die Morde an Führern des Nordens; darauf folgte im Mai 1966, das unüberlegte, unselige Dekret des Generals Ironsi, der die Bundesrepublik durch einen Einheitsstaat ersetzen wollte; schließlich kam es zu dem Massaker an mehr als dreißigtausend Ibo im Norden, zur Vertreibung von fast zwei Millionen dieses Stammes, zum Mord an Ironsi durch Truppen aus dem Norden und zu Gowons Machtübernahme.

Die Konferenz, zu der sich Anfang dieses Jahres alle nigerianischen Militärbefehlshaber in Ghana trafen, ließ noch einmal einen Hoffnungsstrahl aufgehen, der indessen jäh verlosch, als Ojukwu um seine Verhandlungserfolge betrogen wurde. Nun trieb die Krise auf den Bruch zu: Ojukwu drohte mit dem Abfall der Ostregion, und der Yoruba Awolowo kündigte an, dann werde auch sein Land, die Westregion, die Föderation verlassen. Awolowo reiste mit vernünftigen Kompromißvorschlägen zu Ojukwu nach Enugu, kehrte jedoch enttäuscht und verärgert zurück. Fortan unterstützte er die Bundesregierung. Seither ist die These des Nordens schwer zu widerlegen. Ojukwu und den Ibo sei es eigentlich niemals um Verfassungsreformen, um regionale Selbstverwaltung und um Sicherheit gegen neue Verfolgungen gegangen. Vielmehr förderten sie durch ihr Verhalten bei manchen den Verdacht, daß sie auf Kosten der nigerianischen Einheit einen eigenen Staat anstrebten, um die Öleinnahmen einzustreichen, ohne sie mit den ärmeren Bundesländern teilen zu müssen.

Gowon konterte Ende Mai geschickt mit der Aufteilung Nigerias in zwölf statt vier Bundesländern: Ojukwu blieb keine andere Wahl, als am 30. Mai die Unabhängigkeit Biafras auszurufen. Anfang Juli begann Gowons „Polizeiaktion“, und am 10. August der „totale Krieg“.