Von Josef Müller-Marein

Unter den elf Filmen, an denen Melina Mercouri in zehn Jahren als „Star“ beteiligt war, ist der Streifen „Sonntags nie“ am meisten bekannt geworden. Jules Dassin, der amerikanische Regisseur, hat diesen und noch fünf andere Filme mit „der“ Mercouri gedreht: ihr „Entdecker“, ihr Bahnbrecher zu internationalem Ruhm, ihr Freund, ihre große Liebe und heute ihr Gatte. Zwar ist „Sonntags nie“ schon sechs Jahre alt. Aber diese heiter-sentimentale Geschichte der „leichten Mädchen vom Piräus“, zu einem „Musical“ verarbeitet, ist momentan in New York eine „Broadway-Sensation“. Titel: „Illya Darling Hauptrolle: Melina Mercouri, die eine ebenso gute Bühnen- wie Filmdarstellerin ist.

Anfang Juli aber gab es einen Mercouri-Auftritt besonderer Art: Im amerikanischen NBC-Fernsehen trug sie eine flammende Kampfansage an Athens Generale vor. Worauf die Athener Militärjunta prompt mit Ausbürgerung und mit Beschlagnahme ihres Besitzes reagierte. Ihr neues Haus und ein Stück ererbten Landes in Athen verfielen dem Staat. Ihr Bankkonto wurde eingezogen. Im gleichen Augenblick gaben Zorn und Verzweiflung ihr, der leidenschaftlichen Griechin, Worte ein, die sich zumal gegen den Innenminister, General Patakos, richteten und mittlerweile Parole geworden sind: „Ich bin als Griechin geboren und werde als Griechin sterben; Patakos ist als Faschist geboren und wird als Faschist sterben!“

Tausendfältig wird diese Parole heute von Griechen in aller Welt wiederholt. Und dann noch dies: „Wenn Patakos eine Jeanne d’Arc’ aus mir machen will, so ist das seine Sache.“

Eine Schauspielerin also auf politischer Bühne. Eine Schauspielerin als vaterländisches Symbol. „Patakos Sache...“ Aber wie kam die Mercouri zu dieser Rolle?

Sie ist eine bedeutende Schauspielerin. Ein leidenschaftliches, großäugiges, sehr griechisches Gesicht. Sie gehört zu jenen seltenen Darstellerinnen, die so schön, aber auch so häßlich, so strahlend, aber auch so sehr vom Schicksal gezeichnet sein können wie sie wollen. Der heute einundvierzigjährigen Frau ist keine Rolle von vitaler Jugend verwehrt. Doch kommt ihr künstlerischer Rang nicht vom „Naturtalent“ allein, sondern auch daher, daß in ihr eine überragende Begabung sorgsam geschult wurde. In Griechenland nämlich ist es Usus, daß Bühnenkünstler erst das Gymnasium, dann drei Jahre lang eine Schauspielschule absolvieren, ehe sie in einem der fünfundzwanzig Athener oder der vielen Provinztheater auftreten dürfen. Nirgends trifft man so viele Schauspieler von hoher allgemeiner Bildung an wie in Athen. Melina Mercouri nun kommt aus der Schule des „Königlichen Theaters“, wo Dimitris Rondiris ihr erster Lehrer war, jener feinsinnige Künstler, der mit der Darstellung altgriechischer Tragödien in vielen europäischen Hauptstädten Aufsehen, aber auch Erschütterung erregte.

So wenig die Strenge solcher künstlerischen Ausbildung allen gefällt – denn wo bleiben Begabungen „ohne Abitur“, Talente „außerhalb der Reihe“? – so wenig es auch manchem Beobachter des öffentlichen Lebens gefiel, daß der Kreis der traditionell „tonangebenden“ Gesellschaft in Athen relativ klein war, so leugnete doch niemand den Vorteil, daß eben in dieser maßgeblichen Schicht nicht wirtschaftliche Interessen, nicht Politik überwogen, sondern daß Wissenschaft und Kunst gleichermaßen ihre Rolle spielten. Zu diesem Kreis, der durch griechischen „Familiensinn“ noch gefestigt zu sein scheint, gehören Persönlichkeiten wie Melina Mercouri oder wie Dora Stratou, die großartige Inszenatorin international bekannt gewordener folkloristischer Ballettkunst. Die Menschen dieses Kreises hatten und haben internationale Kontakte. Aber sie sind zugleich, beseelt von geradezu unvorstellbar glühender Heimatliebe. Liberalität bestimmt ihr Wesen. Abscheu vor jeder Radikalität, ob es die von ganz rechts oder von ganz links ist. Und vergessen wireines nicht: In der bewegten hellenischen Geschichte kam es vor, daß in fast jeder Generation Menschen dieses Kreises außer Landes gehen mußten. Einmal waren es anarchistische Episoden, die sie fliehen ließ. Ein anderes Mal – häufigere Male – hielt ein Diktator das Ruder in der Hand. Sie aber, die Emigranten, wenngleich sie in der „Wahlheimat“ erfolgreich waren, akklimatisierten sich nie vollständig; sie trugen immer ihr Stück Griechenland mit sich herum. Sie hielten immer ihre „Antennen“ auf die „Welle“ aus Athen gerichtet, pflegten Kontakt miteinander.