Hier sind sich zwei Apologeten moderner Kunst uneins, Dr. Wieland Schmied, der Leiter der Kestner-Gesellschaft in Hannover, und Dr. Werner Haftmann, der Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Es geht um die Frage, ob es richtig sei, bei der Kunst der Gegenwart möglichst viele und heterogene Erscheinungen nebeneinander gelten zu lassen – oder Akzente so zu setzen, daß Bejahungen auf der einen Seite zu Verneinungen auf der anderen führen. Wir drucken Wieland Schmieds Brief ab, weil diese Auseinandersetzung exemplarische Bedeutung hat.

Lieber Werner Haftmann!

Die Galerie Günther Franke in München schickte mir den Katalog zu, in dem Sie ein Vorwort über die neuen Bilder von E. W. Nay geschrieben haben. Wenn unsere Urteile über diese Bilder auch auseinandergehen, so bin ich doch berührt von der Anteilnahme, die aus manchen Sätzen Ihres Textes über Nay spricht, und es liegt mir fern, Ihnen hier widersprechen zu wollen.

Ich schreibe Ihnen nur, weil ich betroffen bin von einigen Feststellungen, die Sie in den einleitenden Absätzen machen – betroffen von der Art, wie da weite Partien der Kunst unserer Tage abgetan werden, und betroffen, weil meine Arbeit in der Kestner-Gesellschaft wie die vieler anderer Kollegen eben dieser Kunst unserer unmittelbaren Gegenwart gilt. Ich zitiere, um darzulegen, worum es geht. Sie schreiben:

„Wieder einmal ist die jüngste Malerei daran, sich wütend an den Dingen zu stoßen und dieses-,anstößige‘ Entgegenstehen der denaturierten Gegenstände ... zu enthüllen ... Wie im Gegenwurf zu ihr steht eine Kunstform, die aus den Formmaterialien einer zweckfreien Geometrie Augentäuschungen hervorzulocken sucht... Beide tummeln sich unbekümmert auf den alten Spielfeldern des Naturalismus und des ‚trompe l’oeil‘. Beide befriedigen das Verlangen der Gesellschaft nach handfester Beschreibung und Deutung der Vulgärsphäre des heutigen Lebens durch oft witzige Persiflage und einfallsreiche optische Tricks... In diesem ephemeren Kontext, den eine eilfertige Kritik als den neuen Entwurf zeitgenössischen bildnerischen Ausdrucks feiert, erscheinen die neuen Bilder Nays ganz isoliert .. Auf den heutigen Kampf- und Tummelplätzen der Pop- und Op-Artisten also, auf den orgiastischen und vergnüglichen Spielplätzen von allerlei Beat-Kunst, auf denen sich die amüsierte Kunstwelt heute einzurichten wünscht, läßt sich dieser Kunst nicht begegnen. Sie ist der Stallwärme munterer Zeitgenossenschaft durchaus entrückt ...“

Mich betrübt, wie die aufrichtige Liebe zu einem Künstler dazu führen kann, andere – fast könnte man aus Ihrem Text schließen: alle jüngeren – gering zu achten und mit ihrem Werk auch ihre Absichten zu verdächtigen, ja ganzen Richtungen (man könnte meinen: allen in den letzten anderthalb Jahrzehnten hervorgetretenen) die innere Notwendigkeit und Verbindlichkeit abzusprechen. Muß denn wirklich die Verehrung des einen Künstlers immer gleich das Argument der Verurteilung des anderen abgeben? Schließt wirklich die Akzeptierung Nays die Vasarelys, Hundertwassers, Klaphecks aus? Muß unser Einsatz für eine Persönlichkeit, eine Sache, eine Richtung denn notwendigerweise sich in den Kampf gegen eine andere verkehren?

Ich glaube das nicht, ich glaube, eine kritische Konzeption der Kunst ist dann besonders gut, wenn sie extreme, im einzelnen einander ausschließende, im ganzen aber ergänzende Möglichkeiten künstlerischer Realisation zu erkennen vermag, und ich glaube schließlich, daß diese Bereitschaft, gegensätzlichen Richtungen offen zu sein, gerade ein Gebot unserer kunstgeschichtlichen Stunde ist.