Arzneien haben im Weltraum nicht immer die gleiche Wirkung wie auf der Erde. Dieses Forschungsergebnis legten sowjetische Wissenschaftler auf der zehnten Vollversammlung des COSPAR (Abkürzung für Committee On SPAce Research) in London vor, zu der mehr als tausend Wissenschaftler aus annähernd sechzig Nationen in die britische Hauptstadt gekommen waren.

Die russischen Forscher haben Versuchsreihen durchgeführt, bei denen sich herausstellte, daß sich bei starker Anspannung, wie sie zum Beispiel bei der Außenbordtätigkeit von Kosmonauten an einem Raumschiff vorkommt oder auch nur in der veränderten Atmosphäre innerhalb eines Weltraumfahrzeugs und bei Sauerstoffmangel, die gewohnte Reaktion des Körpers auf bestimmte Drogen überhaupt nicht einstellt. Auf der anderen Seite bewirkten normalerweise harmlose Dosen bekannter Medikamente Vergiftungserscheinungen. Koffein zum Beispiel verlor seine anregende Wirkung. Das gleiche Resultat ergab sich bei dem Medikament Lobelin, das unter normalen Umständen die Atmung anregt. Andererseits wirkte Äther unter Weltraumbedingungen wesentlich stärker narkotisierend.

In anderen Versuchsreihen testeten die russischen Weltraummediziner, wie äußere Störfaktoren die Leistungen eines Raumschiffkommandanten vermindern können. Rollbewegungen um die Längsachse des Raumschiffs führten zum Beispiel dazu, daß ausgelegte Zeichen von den Versuchspersonen erst nach erheblich längerer Zeit als unter normalen Bedingungen erkannt wurden. Das Erkennen dauerte bei Rollbewegungen zwei- bis dreimal länger. Lärm in der Kabine und Wärmegrade von 40 bis 49 Grad Celsius bewirkten, daß es für die Testperson immer schwieriger wurde, die Bewegungen eines Raumfahrzeuges um Hoch-, Längs- und Querachse unter Kontrolle zu halten.

Die russischen Forschungsergebnisse sind größtenteils auf der Erde erarbeitet worden, unter simulierten Weltraumbedingungen. Über Erfahrungen aus Raumflügen berichtete der Chefarzt der amerikanischen Astronauten, Dr. Charles Berry in einem vielbeachteten Vortrag über die medizinischen Erkenntnisse, die das Gemini-Programm erbracht hat. Der menschliche Organismus reagiert mit erheblichen Veränderungen auf ein- bis zweiwöchige Raumflüge. Zum Beispiel nimmt die Dichte der Knochen ab. Dr. Berry demonstrierte dies an Röntgenbildern vom Fersenknochen des Astronauten Cooper: Auf einer Aufnahme vor Coopers Raumflug im August 1965 ist die Abbildung des Knochens schwarz und undurchsichtig. Nach dem einwöchigen Ausflug in den Weltraum zeigt das Röntgenbild der Ferse transparente Stellen. Nach Angaben Berrys erreicht der Dichteverlust der Knochen nach einer Woche Flugzeit in der Schwerelosigkeit mit etwa 14 Prozent seinen Höhepunkt. Nachher sinkt er, wie der vierzehntägige Flug von Borman und Lovell im Dezember 1965 gezeigt hat, wieder ab.

Hingegen hält der Kalzium Verlust der Knochen unvermindert an. Allerdings hat sich diese Verringerung des Kalziumgehaltes selbst beim längsten aller bisher von Menschen absolvierten Weltraumflügen als gering erwiesen. Borman und Lovell hatten während der beiden Flugwochen nur etwa ein Drittel der Kalkmenge verloren, die man bei einer vierzehntägigen Bettruhe einbüßt; und drei Tage nach der Landung war der Kalziumgehalt in den Knochen der Astronauten normal.

Größer waren die Veränderungen im Blutbild. Bei Raumflügen von mehr als einer Woche Dauer gingen bis zu 20 Prozent der roten Blutkörperchen verloren.

Die Muskeln wurden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Ihr Stickstoffgehalt sank während der ersten Woche um fünf und in der zweiten Woche um zehn Prozent. Auch nach der Landung ließ sich der Stickstoffverlust der Muskeln trotz einer Spezialdiät nicht innerhalb kurzer Zeit ausgleichen. Schneller ausgeglichen war dagegen der Gewichtsverlust der Astronauten, der beim Gemini-7-Piloten Frank Borman zum Beispiel nicht weniger als zehn Pfund ausmachte.