Von Lawrence Lessing

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts soll man in Großbritannien ernsthaft den Vorschlag erwogen haben, das königliche Patentamt zu schließen. Alle wichtigen Erfindungen seien ja doch schon gemacht worden. Unter der gleichen Kurzsichtigkeit scheinen auch einige Gegenwartspropheten zu leiden. Sie fürchten, daß die mächtige Antriebskraft der technologischen Neuerungen, die die amerikanische Wirtschaft seit Ende des Zweiten Weltkrieges vorwärtsgetrieben haben, erlahmt.

Sie berufen sich darauf, daß seit kurzem weniger neue Arzneimittel auf den Markt gebracht werden und daß die Zahl der angemeldeten Patente im Verhältnis zur Zahl der beschäftigten Wissenschaftler und Ingenieure zurückgeht. Dieser Rückgang sei um so bedenklicher, als er in einer Zeit stattfindet, in der die Forschungsaufwendungen eine bisher ungekannte Höhe erreicht haben. Man spekuliert sogar darüber, ob die in Form einer Exponentialkurve steil anwachsende wissenschaftliche Aktivität und die Zahl der Entdeckungen sich nicht endgültig abflachten.

Wenig von diesem Pessimismus ist in den Laboratorien und in den fortschrittlichen Industriezweigen der USA zu spüren. Allerdings wird nach Ansicht der meisten Technologen die nächste Stufe des Fortschritts bei weitem die teuerste dieses Jahrhunderts sein. Die Aussichten sind schwer in die Begriffe der Vergangenheit zu fassen. Wissenschaft und Technik befinden sich in einer Phase des Umbruchs.

Soviel läßt sich sagen – für die nahe Zukunft ist keine so bedeutsame Einzelerfindung wie der Computer oder das Fernsehen zu erwarten. Statt dessen wird es eine Fülle ineinander verflochtener Entwicklungen von unterschiedlicher Bedeutung und Reichweite geben, die in ihrem Zusammenwirken das Leben in den USA erheblich beeinflussen werden. Ein neues, reibungsloseres, geordneteres und menschlicheres Zeitalter der Technik kommt auf uns zu. Der Schwerpunkt der Neuerungen wird weniger bei patentierten Geräten liegen, als bei Ideen, Verfahren und Systemen.

Die vorwärtstreibende Kraft des neuen Zeitalters wird der Komplex der chemischen, elektrischen und elektronischen Industrie sowie der Luft- und Raumfahrt sein. In diesem Bereich arbeitet schon heute die technologische Elite der Nation. Es sind Branchen, die außergewöhnlich schnell expandieren und zu einer einzigen gigantischen, miteinander wetteifernden Zukunftsindustrie zusammenwachsen.

Die führenden Unternehmen, wie Litton, Lockheed, General Electric, Du Pont und RCA, sind alle mehr oder weniger mit dieser neuen Entwicklung verbunden. Sie arbeiten nicht nur an den Grenzen der Technik, dort wo neue Industrien entstehen könnten, sondern ebenso an der Erneuerung alter Wirtschaftsbereiche, die eine Überflußgesellschaft nicht länger vernachlässigen darf. Die USA können nicht ständig neue Industrien schaffen und dabei ein Chaos hinter sich lassen.