Der Autor dieses Briefes an die ZEIT-Redaktion, Bruno Snell, hat Weltgeltung als Doyen der deutschen Graecisten. Er war Rektor der Universität Hamburg.

Dr. St. Caratzas, ordentlicher Professor für neugriechische Philologie an der Universität Thessaloniki, ist im Juni durch eine einstweilige Verfügung aus seinem, Amt entlassen worden und ist wegen Übertretung des Gesetzes Nr. 509 von 1947 – und das heißt wegen Landesverrats – angeklagt worden. Der Prozeß gegen ihn soll, wie ich höre, etwa Ende August beginnen.

Herr Caratzas hat sich am 21. Juli 1956 in unserer Hamburger Philosophischen Fakultät. für Byzantinische und Neugriechische Philologie habilitiert. Er wurde hier am 4. Mai 1962 außerordentlicher Professor, kehrte dann aber 1965 nach Griechenland zurück.

Ich bin nicht genau darüber informiert, worin sein „Landesverrat“ bestehen soll, aber alle hiesigen Freunde kennen Herrn Caratzas als einen ruhigen und besonnenen Menschen und wissen, daß er sich auch in seinen bedeutsamen wissenschaftlichen Arbeiten immer als guter griechischer Patriot erwiesen und viel für das Ansehen seines Landes getan hat.

Es ist mir bisher nicht gelungen, Genaues darüber zu erfahren, was mit ihm geschieht. Ich habe ihm geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Andere Auskünfte sind vage oder ausweichend, so daß sich das peinliche Gefühl aufdrängt, daß die gegen ihn getroffenen Maßnahmen nicht so sind, daß man sich offen und frei darüber äußern könnte, wie es bei einer klaren rechtlichen Situation selbstverständlich sein sollte.

So halte ich es für notwendig, daß sich die öffentliche Diskussion dieses Falles – und ähnlicher Fälle – annimmt. Bruno Snell