Der Einzug Bundeskanzler Kiesingers in Washington wirkte fast bescheiden. Mit einer alten „Convair“ landete er am vorigen Sonntag auf dem Militärflughafen Andrews. Zu seinem Empfang waren weder Vizepräsident Humphrey noch Außenminister Rusk erschienen. Es fehlten der sonst übliche Fahnenschmuck und das militärische Zeremoniell. Es wurde am Dienstag auf dem Rasen vor dem Weißen Haus nachgeholt.

Washington und Bonn sahen den Gesprächen Kiesingers mit Präsident Johnson gespannt entgegen. Es war die erste Amerika-Reise Kiesingers als Kanzler – neun Monate nach seinem Amtsantritt. Einen Tag lang bereitete er sich mit seinen Mitarbeitern auf die Konferenzrunde im Weißen Haus vor, die am Dienstag begann.

Wichtige Themen standen zur Diskussion: Das Bundeswehrkonzept; der Atomsperrvertrag; ein deutsch-amerikanisches Konsultationsverfahren; die amerikanische Europapolitik; die deutsche Ostpolitik; die Haltung der Bundesrepublik und der USA gegenüber Frankreich; der britische EWG-Beitritt und internationale Währungsprobleme.

Kiesinger gab die Marschrichtung an: Die Bundesrepublik werde ein loyaler Freund der USA bleiben, trotzdem aber einen politisch unabhängigen Kurs steuern.

Zweimal war Kiesingers Amerikareise verschoben worden, im Juni bat Johnson darum, im Juli der Kanzler wegen der mittelfristigen Finanzplanung. Von ihr wurde auch der Wehretat in Mitleidenschaft gezogen. Der Notruf Verteidigungsminister Schröders, die Bundeswehr müsse wegen der Kürzungen um 60 000 auf 400 000 Mann verkleinert werden, alarmierte die Johnson-Administration. Sie beklagte sich über mangelnde Konsultationen. Doch war das letzte Wort in Bonn noch nicht gesprochen.

Erst zwei Tage vor Kiesingers Flug in die USA legte Schröder dem Kanzler vier Alternativ-Vorschläge für den künftigen Aufbau der Bundeswehr vor. Im kleinen Kreis einigte man sich auf einen Kompromiß, den „Geheimplan C“. Danach wird der Personalbestand der Bundeswehr nicht nennenswert herabgesetzt. Man spricht von 15 000 Mann. Das zivile Personal soll ebenfalls schrumpfen. Die Kampftruppen werden nach dem Prinzip der „abgestuften Präsenz“ so organisiert, daß in Friedenszeiten nicht alle Einheiten voll aufgefüllt sind. Reserveübungen sollen die Kampfkraft erhalten. Die Beschaffungsprogramme für Heer, Marine und Luftwaffe sollen gestreckt werden, so daß Waffen und Gerät länger in Gebrauch bleiben müssen. Die Bundeswehr wird auch künftig mit Atomwaffenträgern ausgerüstet sein.

Johnson machte freilich seinem Gast klar, daß er unter dem Druck des Kongresses auf eine Truppenreduzierung der Bundeswehr mit einem weiteren Abzug von US-Truppen aus Europa reagieren müsse.